Saurier der See

Autor: Tim Appenzeller  —  Bilder: Brian Skerry

Als im Jahr 1961 der Sommer zur Neige ging, erreichte den Biologen Sherman Bleakney ein aufgeregter Anruf. Am Kai der Hafenstadt Halifax in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia brachten Fischer gerade ein eigenartiges Meerestier an Land. Bleakney fuhr hin – und war begeistert. Inmitten einer neugierigen Menschenmenge lag eine riesige Meeresschildkröte mit ausgestreckten Beinen auf dem Rücken. Sie brachte rund 400 Kilo auf die Waage. Ihr weicher Panzer fühlte sich an wie Gummi. Sie hatte flügelähnliche Vorderflossen und einen spitz zulaufenden Kopf.

Bleakney konnte das Tier sofort bestimmen: Es war eine Lederschildkröte, die größte aller Meeresschildkröten. Er wusste, dass Lederschildkröten als Bewohner der Tropen galten. Hier, im eisigen, grauen Wasser Kanadas, erschien der Fund ebenso fehl am Platz wie Papageien in einem Park der Stadt. Doch als sich der Biologe umhörte, erfuhr er, dass die Fischer vor der kanadischen Atlantikküste immer mal wieder Lederschildkröten beobachteten. Und zwar so viele, dass sie den Spätsommer sogar als Schildkrötensaison bezeichneten. Dieses Erlebnis ließ Bleakney einige Jahre lang nicht mehr los. Er forschte weiter, und 1965 fasste er seine Erkenntnisse über die Schildkröten in einem Artikel zusammen: „Offenkundig ereignet sich in unseren kühlen atlantischen Gewässern alljährlich eine Invasion von Schildkröten tropischer Herkunft.“

Dass die Tiere aus dem Süden stammten, war an den wenigen toten Schildkröten, die er fand und untersuchte, klar zu erkennen. Einer von ihnen steckte ein Stück vom Zweig eines tropischen Mangrovenbaums im Auge; an anderen hafteten Seepocken, die in warmen Gewässern beheimatet sind. Aber die Lederschildkröten überlebten offensichtlich auch bei Temperaturen, die für andere Meeresschildkröten tödlich wären – und fühlten sich sogar wohl! Noch seltsamer war, was Bleakney in ihrem Inneren entdeckte: Der Magen der Lederschildkröten enthielt große Mengen zerkauter Quallen einschließlich der Tentakel. Ihre Speiseröhre war mit sieben Zentimeter langen Stacheln ausgekleidet, die nach innen gerichtet waren und die glibberige Beute festhielten.

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(NG, Heft 5 / 2010)


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