Eine Legende voller Licht begründete einst den Höhlenbau von Dunhuang. Eines Abends im Jahr 366 n. Chr. erschienen einem Wandermönch namens Yuezun tausend strahlend leuchtende Buddhas auf einer Klippe. Er war so beeindruckt von dem Anblick, dass er sich ein winziges Mönchsrefugium zum Meditieren in den Fels meißelte. Andere taten es ihm nach. Bald legten Mönchsgemeinschaften größere Räume an, in denen sie die Andacht feierten. Die geweihten Stätten schmückten sie mit Buddha-Bildnissen. Auf diese frühen Grotten bezieht sich die Bezeichnung „Höhlen der tausend Buddhas“. Anstelle von Leinwand nutzten die Mönche als Malgrund den Schlamm des Flusses, vermischt mit Stroh: Auf solch schlichtem Material zeichneten sie im Laufe der Jahrhunderte auf, wie sich die chinesische Kunst entwickelte – und wie aus dem Buddhismus ein chinesischer Glaube wurde.
Ein schöpferischer Höhepunkt in Mogao lässt sich auf das 7. und 8. Jahrhundert datieren, als China ein mächtiges, aber auch ein weltoffenes Reich war. Der Handel auf der Seidenstraße florierte, der Buddhismus blühte auf. Die Höhlenkünstler der Tang-Zeit folgten einem selbstbewussten chinesischen Malstil und dekorierten ganze Wände mit buddhistischen Bildergeschichten. Die Farben, die Bewegungen und ihr Naturalismus erweckten die imaginierte Landschaft zu prachtvollem Leben. Später sollte sich das Reich der Mitte nach innen wenden und zur Zeit der Ming-Dynastie im 14. Jahrhundert von der Außenwelt abschotten.
„Anders als die indischen Buddhisten wollten die chinesischen die Formen des Lebens nach der Wiedergeburt ganz genau erfahren“, sagt Zhao Sheng-liang, ein Kunsthistoriker an der Akademie von Dunhuang. „Die Farbenpracht diente dazu, den Pilgern die Schönheit des sogenannten Reinen Landes – einer Art Zwischenparadies – zu zeigen und sie davon zu überzeugen, dass es tatsächlich existiert.“
Gelegentlich wurde Dunhuang auch von eher irdischem Tumult heimgesucht. Doch selbst wenn miteinander wetteifernde Dynastien, lokale Aristokratien oder fremde Mächte die Stadt eroberten – zwischen 781 und 847 geriet sie unter tibetische Herrschaft –, ging das künstlerische Schaffen in Dunhuang ohne Unterbrechung weiter.
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