Schießen oder schützen?

Autor: Douglas H. Chadwick

Wölfe sind uns, genau genommen, sehr ähnlich. Sie sind aggressiv und voller Energie, sie fressen Fleisch und verteidigen ihr Revier. Sie sind intelligent, neugierig, kooperativ, treu und anpassungsfähig. Und sie beeinflussen stark die Entwicklung der Ökosysteme, in denen sie leben. Und dennoch – oder gerade deswegen? – haben wir Probleme mit den Wölfen. Ob es daran liegt, dass wir den „bösen Wolf“ gedanklich nicht unter einen Hut bringen mit seinem zahmen Verwandten, der uns mit treuen Augen durchs Haus folgt? Vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass Isegrim das Landsäugetier mit der größten Verbreitung ist – nach dem Menschen und dessen Vieh – und dass er auf der nördlichen Erdhalbkugel seit langem unser größter Konkurrent ums Fleisch ist.

Was auch der Grund sein mag: Wo immer der Wolf zurückkehrt, sei es im Westen der USA, sei es im Osten Deutschlands, sorgt er für Aufregung. Während es in Deutschland aber eher um vage Ängste der Bevölkerung und die Unruhe einiger Schäfer geht, wähnen sich manche Menschen in den USA im Krieg: in einem Krieg um das Wild im Wald, aber auch ums Vieh. In den nördlichen Bundesstaaten der Rocky Mountains weitet sich die Kampfzone derzeit aus, seit kurzem reicht sie bis direkt vor die Tür meiner Hütte nahe dem Glacier National Park in Montana. „Diane“, eine junge Fähe, hat „ihr“ Revier markiert, indem sie auf die Fußmatte auf meiner Veranda urinierte.


Heft-DVD: Die Rückkehr der Wölfe

Nicht weit entfernt liegt auf einem bewaldeten Hügel ein von überhängenden Zweigen geschützter Bau. Hinter dem Eingang zwischen Baumwurzeln reicht er mehr als fünf Meter weit unter die Erde – eine Villa für Wölfe. Die Pfoten von Generationen haben den Boden ringsum platt gelaufen. Schmale Pfade führen hinauf zu einer Lichtung am Hang. Von hier hat man eine gute Aussicht. Ab und zu krächzt ein Rabe, sonst ist es still. Wolfsfährten kreuzen Spuren von Wapitis, Elchen, Hirschen und Bären. Die Welpen, die hier aufgezogen wurden, sind inzwischen ausgewachsen. Das Rudel, dem sie sich angeschlossen haben, kann aber nicht weit entfernt sein, wie die Signale vom Funkhalsband der Fähe ahnen lassen, die die Meute führt.

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(NG, Heft 3 / 2010)


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