Schwanengesang

Autor: Cathy Newman  —  Bilder: Stefano Unterthiner

Schon das Wort Schwan klingt nach Anmut: vom Säuseln des Anlauts über den dahingehauchten Vokal bis zum federleichten Endkonsonanten. Dieser Vogel verströmt Eleganz und Noblesse. Nicht umsonst hat Peter Tschaikowski die Ballettmusik „Schwanensee“ komponiert – und nicht „Alle meine Entchen“. Im Jahr 1758 hat der Naturforscher Carl von Linné den Singschwan erstmals beschrieben. Cygnus cygnus gilt als Archetypus aller Schwäne. Mit einer Population von 180000 Exemplaren gehört er zu den häufigsten Schwanenarten, obwohl auch er durch den Verlust von Lebensräumen gefährdet ist. Doch er übertrumpft die meisten anderen Spezies der Gattung, sobald man die Größe ihrer Verbreitungsgebiete miteinander vergleicht.

Seit je symbolisiert das Erscheinen eines Schwans – wenn er auf einem spiegelblanken See dahingleitet oder mit ausgebreiteten Schwingen durch die Lüfte segelt – die Vergänglichkeit allen Seins und ruft ein Sehnen nach Unsterblichkeit wach. Sokrates, so überlieferte es Platon, hörte am Tag seines Todes einen Schwanengesang. Die Walküren geleiteten ihre auf dem Schlachtfeld gefallenen Helden in einem Kleid aus Schwanenfedern nach Walhall, der letzten Ruhestätte in der altnordischen Mythologie. „Der Schwan“, schreibt die russische Lyrikerin Anna Achmatowa, „gleitet durch die Jahrhunderte“ und den ewigen Kreislauf der vier Jahreszeiten. Schwäne auf dem Herbstzug evozieren eine poetische Melancholie. Ihr Flug kündet davon, dass sich ein weiteres Jahr dem Ende zuneigt. Was bleibt, ist der Trost aus Hans Christian Andersens Märchen vom „Hässlichen Entlein“, das sich in einen Schwan verwandelt – die Metamorphose vom Gewöhnlichen zum Erhabenen.

Die Anmut der Schwäne verschleiert jedoch den stetigen Kampf, den diese großen Tiere mit der Schwerkraft bestehen müssen – und die Mühsal ihres täglichen Überlebens. Das verzweifelte Rudern der Paddelfüße und das heftige Flügelschlagen vor dem Abflug, die erbitterten Revierkämpfe mit anderen Wasservögeln, die nicht selten tödlich enden – all dies legt den Schluss nahe, dass die Schönheit nicht so leicht und spielerisch daherkommt, wie wir es uns wünschen mögen.


(NG, Heft 1 / 2011)


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