Im Untergrund der Stadt Shanghai liegt eine geheimnisvolle Welt, ein Paralleluniversum in einem Bombenschutzkeller. Oben auf der Straße genießen Wanderarbeiter in der Sonne ihr Mittagessen: Reis mit Tofu. Büroangestellte in frisch gestärkten Hemden eilen auf dem Gehweg vorüber. Dem Eingangsschild zum Bunker schenken sie keine Beachtung. Eine Frau aber steigt hinab ins Dunkel. Hinter einer Auslage mit Import-Klobrillen nimmt die 22 Jahre alte Sheng Jiahui, genannt Sammy, die Treppe zu jenem Schutzkeller, den sie nur unter dem Namen „0093“ kennt. Durch eine bombensichere Metalltür betritt sie den schwach beleuchteten Korridor.
Das Halbdunkel in diesem Gang erweckt ein beengendes Gefühl. Hierher flüchteten sich die Einheimischen während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Dessen Schlusskampf und die Machtübernahme durch die kommunistische Volksbefreiungsarmee im Mai 1949 setzte auch Shanghais bewegter Glanzzeit ein Ende, in der die Verschmelzung der Kulturen aus Orient und Okzident die Stadt in den mondänsten Ort des Ostens verwandelt hatte.
Als sich die nächste Tür öffnet, schwappt ein Schwall elektrischer Gitarrenklänge in den Flur. Unter einem Poster von Jimi Hendrix proben bereits vier andere junge Frauen in dem kleinen Raum: Sammys Punkrockband Black Luna. Der Schutzkeller, einst Symbol einer verletzten, geduckten Gesellschaft, ist zu einem Nährboden für Shanghais Musikszene geworden. Die Probenräume im Bunker „0093“ haben dazu beigetragen, dass mehr als 100 Bands neu gegründet wurden. So ist eine Kultur wiederaufgeblüht, die heute wie damals den Gegensatz zwischen Ost und West verschwimmen lässt.
Die Band legt los. Orange, 20, bearbeitet das Schlagzeug, Juice, 23, haut in die Saiten. Sammy singt, und ihre Ponyfrisur hüpft wild auf und ab. "Wir sind neugeborene Vögel, aber wir haben große Träume", schreit Sammy. "Die ganze Welt soll uns singen hören."
Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus. In Shanghai, einer der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt, kann man sich leicht im Lärm der Presslufthämmer und Planierraupen verlieren. Die wuchernden Wolkenkratzer und Baugelände sind Teil der atemraubenden Metamorphose, mit der sich Shanghai von Mai bis Oktober als Gastgeber der Expo 2010 in Szene setzen will. Der Aufschwung von Chinas einziger Weltstadt wird jedoch nicht von Maschinen angetrieben, sondern von einer Kultur, die das Neue und das Fremde mit offenen Armen aufnimmt, um den verlorenen Glanz ihrer Vergangenheit zurückzugewinnen. Shanghais Einwohner bilden einen urbanen Stamm, der sich vom übrigen China durch Sprache, Denkweise, Architektur, Küche und Brauchtum unterscheidet. Ihre Lebensart nennt sich haipai: „Shanghais Stil“ erwächst aus der Geschichte dieser Stadt, in der seit je Kaufleute aus aller Welt mit chinesischen Migranten zusammentreffen. "Für Ausländer ist Shanghai Teil ihrer Vorstellungen von einem „geheimnisvollen China“", sagt Zhou Libo, ein einheimischer Stand-up-Comedian. "Für Chinesen aus anderen Ecken des Landes wiederum gehört diese moderne Megacity zur Außenwelt."
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