Singvögel - Flug in den Tod

Autor: Jonathan Franzen  —  Bilder: David Guttenfelder

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen („Die Korrekturen“, „Freiheit“, „Weiter weg“) ist ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter und wurde bei dieser Reportage selber Zeuge des Vogelmords.

Auf dem Vogelmarkt der ägyptischen Mittelmeerstadt Marsa Matruh betrachtete ich Käfige, in denen sich wilde Turteltauben und Wachteln drängten. Einer der Händler sah den Ausdruck der Missbilligung auf meinem Gesicht und rief in sarkastischem Ton: «Ihr Amerikaner sorgt euch um die Vögel, aber Bomben auf die Heimat anderer Menschen zu werfen, findet ihr nicht weiter schlimm.»

Ich hätte erwidern können, dass es möglich sei, beides schlimm zu finden. Doch der Vogelhändler hatte etwas Wahres über das Problem des Naturschutzes in einer Welt menschlicher Konflikte gesagt. Er küsste seine Finger, um anzudeuten, wie köstlich die Vögel schmeckten. Ich blickte weiter stirnrunzelnd in die Käfige.

Für einen Besucher ist die Situation im Mittelmeerraum erschreckend: Jedes Jahr werden Hunderte Millionen Singvögel und größere Zugvögel getötet – um sie zu essen, zu Profitzwecken, in Wettkämpfen oder einfach zum Spaß –, und zwar weitgehend wahllos, mit erheblichen Auswirkungen auf Vogelarten, die durch die Zerstörung oder Zersplitterung ihres Habitats ohne­ hin schon stark dezimiert sind.

In den Mittelmeerländern werden Kraniche, Störche und große Raubvögel geschossen, für die Regierungen weiter nördlich millionenschwere Schutzprojekte betreiben. In ganz Europa nehmen die Vogelpopulationen ab, und das Morden im Mittelmeerraum ist einer der Gründe dafür. Besonders berüchtigt sind italienische Jäger und Wilderer; die Wälder und Sümpfe der Regionen Italiens hallen fast ganzjährig von Schüssen und zuschnappenden Singvogelfallen wider. Frankreichs Feinschmecker essen allen Verboten zum Trotz weiterhin Ortolane, die man bei uns als Gartenammern kennt, und auf der langen Liste von Vögeln, die dort gejagt werden dürfen, stehen etliche ums Überleben kämpfende Watvogelarten. Auch in Teilen Spaniens sind Singvogelfallen noch weitverbreitet; maltesische Jäger, vom Mangel an einheimischer Beute frustriert, schießen Raubvögel vom Himmel; Zyprioten töten Mönchsgrasmücken in rauen Mengen und essen sie.

In der Europäischen Union gibt es zumindest theoretische Restriktionen, was das Töten von Zugvögeln betrifft. Die öffentliche Meinung neigt zur Befürwortung des Naturschutzes, und viele Naturschutz­Organisationen helfen den Regierungen, geltendes Recht durchzusetzen. In den nicht zur EU gehörigen Mittelmeerländern hingegen ist die Situation nicht besser geworden. Als ich nach Albanien und Ägypten reiste, stellte ich vielmehr fest, dass sie sich dramatisch verschlechtert.

Der Februar 2012 bescherte Osteuropa das kälteste Wetter seit 50 Jahren. Gänse, die normalerweise im Donautal überwintern, zogen gen Süden, um der Kälte zu entkommen. Etwa 50 000 landeten ausgehungert und erschöpft in den Ebenen Albaniens. Jede Einzelne wurde zur Strecke gebracht, um sie an Restaurants zu verkaufen. In Albanien leidet zwar niemand Hunger, doch das Land hat eines der niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa. Der ungewöhnliche Zustrom geldwerter Gänse war für die örtlichen Bauern und Dorfbewohner buchstäblich ein warmer Regen.

Video: Der Fotograf David Guttenfelder, der Jonathan Franzen bei seiner Reportage begleitete, erzählt, wie er die Vogelrettungen erlebte:


Video: Der Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt von seiner Begeisterung für Vögel


Kurzgeschichte: In vielen Werken Franzens tauchen Vögel und deren Beobachtung immer wieder auf, so auch in der Kurzgeschichte "Farther Away", die Sie hier lesen können (auf Englisch).

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(NG, Heft 7 / 2013, Seite(n) 102 bis 124)

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