Südafrika: Gespaltenes Land

Autor: Alexandra Fuller  —  Bilder: James Nachtwey

Die Stadt Worcester, ein verschlafenes Städtchen mit vielen weißen Kirchtürmen, liegt etwa anderthalb Stunden nordöstlich von Kapstadt. Im Winter sind die umliegenden Berge schneebedeckt. Im Sommer steht die Hitze im Tal wie der Atem der Hölle und schmilzt den Asphalt. Malerische Giebelhäuser säumen die Straßen, an den Veranden ranken Weinreben. Es ist jene Art von Stadt, in der man sich wünscht, man hätte einen längeren Rock und eine weniger tief ausgeschnittene Bluse angezogen.

Mitte der neunziger Jahre waren die geographischen und psychischen Grenzlinien, die die Apartheid in der Stadt hinterlassen hatte, zwar noch erkennbar, aber auch nicht mehr als in anderen Landesteilen. Die meisten Schwarzen lebten noch in der Township Zwelethemba – das ist Worcesters unterernährte Zwillingsschwester auf der anderen Seite des Flusses Hex – und die Weißen nach wie vor in den gepflegten Straßen der Stadt. Doch es gab in Worcester bereits einen ersten farbigen Bürgermeister und eine erste schwarze Vizebürgermeisterin. Überdies hatte die Truth and Reconciliation Commission (TRC) hier im Jahr 1996 eine Anhörung abgehalten. Die „Wahrheits- und Versöhnungkommission“ war ein gerichtsähnliches Gremium. Gegründet, um nach der Abschaffung der Apartheid die Opfer von Folter oder Misshandlungen und die dafür verantwortlichen Täter zum Aussagen zu bewegen. Die Gewalt der Vergangenheit galt vielen damit als beendet.

Umso größer war der Schock, als am brütend heißen Nachmittag des Heiligabends 1996 zwei Bomben in einem Einkaufsviertel hochgingen, in unmittelbarer Nähe des Polizeireviers und der Niederländisch-Reformierten Kirche. Die Explosionen töteten vier Menschen – darunter drei Kinder – und verletzten fast 70 weitere. Alle Opfer waren schwarz oder farbig.

Bei der ersten Detonation um 13.20 Uhr wurde Olga Macingwane so getroffen, dass ihre Beine binnen Sekunden auf die Dicke von Traktorreifen anschwollen. Als Minuten später die zweite Bombe explodierte, verlor sie das Bewusstsein. „Das war vor 13 Jahren. Den Menschen, der mir das antat, hatte ich nie gesehen“, erzählt mir Macingwane an einem Sonntagmorgen Ende November 2009 in ihrem Wohnzimmer in Zwelethemba. Macingwane ist eine nicht mehr ganz junge Frau und eine überaus korrekte Erscheinung. Sie trägt einen knöchellangen rosafarbenen Rock, dazu eine passende Jacke. Außerhalb ihres Hauses finden in der Township gerade Gottesdienste unter freiem Himmel statt, und sie muss die Stimme anheben, um sich verständlich zu machen. Dann steht sie mit steifen Gliedern auf – das Gehen bereitet ihr offensichtlich Mühe – und schließt die Tür zum Hof und zum Rest der Welt.

„Ich habe mir ausgemalt, wie er aussieht“, fährt sie fort, während in der sengenden Hitze die Chöre mehrerer Kirchen miteinander wetteifern. „In meinem Kopf ist er ein Mann von 50 Jahren, groß und stark, mit einem langen Bart. Das ist der Mensch, der diese Tat begangen hat. Der mir in meinen Albträumen begegnet.“

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(NG, Heft 6 / 2010)


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