Die Schweizer haben hohe Berge, also klettern sie. Die Kanadier haben viele Seen, deshalb fahren sie Kanu. Die Australier haben tiefe Canyons, daher betreiben sie: canyoning. Das ist eine besondere Form des Irrsinns, etwas zwischen Bergsteigen und Höhlenklettern, wobei es eher hinab- als hinaufgeht, oft durch nasse Tunnel und enge Durchgänge. Gewiss, es gibt auch andere Gegenden mit tief eingeschnittenen Schluchten – Korsika, Utah, Jordanien –, doch niemand hat wohl mehr Erfahrung im Canyonklettern als die Aussies. Man könnte sagen, dass es sich um eine extreme Form des Wildniswanderns handelt, das die Australier bushwalking nennen. Die Aborigines hatten es schon Tausende Jahre lang getan, bevor die Europäer ihr Land besiedelten.
Tausende wandern durch Canyons. Hunderte wagen es, sich abzuseilen. Aber nur eine Handvoll erforschen unbekanntes Terrain. Man erkennt sie an Beinen wie Rugbyspieler und den kreuz und quer über ihre Knie verlaufenden Narben von all den Kratzwunden aus dem Busch.
Diese Abenteurer ertragen kaltes Wasser wie ein Pinguin. Sie springen über Felsen wie ein Wallaby. Sie kriechen in feuchte, dunkle Löcher wie ein Molch. Alle tragen am liebsten volleys – Dunlop-Tennisschuhe aus Segeltuch mit Gummisohlen –, dazu Shorts, alte Gamaschen und Fleece-Pullover vom Flohmarkt.
Sie kampieren neben winzigen Lagerfeuern und ernähren sich morgens, mittags und abends von jaffles. Das sind mit jeder denkbaren Zutat (auch dem gewöhnungsbedürftigen Hefeextrakt Vegemite) belegte Sandwiches, die in Spezialpfannen über dem Feuer gegrillt werden.
Vor allem sind sie ständig auf der Suche nach Schluchten. Hauptsache, entlegen und schwer zu erreichen. «Je dunkler, je enger, je gewundener, desto besser», sagt David Noble, einer der erfahrensten Kletterer. «Die Leute fragen uns immer wieder: Was passiert, wenn du da unten festsitzt? Darauf legen wir es an. Improvisieren zu müssen, um wieder rauszukommen.»
In den vergangenen 38 Jahren hat Noble in den Blue Mountains, westlich von Sydney, mehr als 70 Erstbegehungen gemacht. In dieser zerklüfteten Landschaft gibt es Hunderte steile Canyons. Die Blueys sind kein Gebirge, sondern ein Sedimentplateau, in das Flüsse und Bäche tiefe Einschnitte gegraben haben. Es ist dicht mit Eukalyptusbäumen bewachsen.
Der 57-jährige Noble verweigert sich allen Konventionen. Er hat noch nie am Steuer eines Autos gesessen. Jeden Tag fährt er mit dem Fahrrad knapp 30 Kilometer durch Sydneys Außenbezirke, um an einer Highschool Physik zu unterrichten. Er hat zwar von den Canyons, die er erkundet und Cannibal, Crucifixion (Kreuzigung) oder Resurrection (Wiederauferstehung) benannt hat, Landkarten angefertigt und Fotos auf seine Internetseite gestellt. Aber er verrät niemandem, wo diese Schluchten liegen, und verweigert mir, genau auf seine Karten zu schauen. «Ich will die Canyons nicht bekannt machen», sagt er. «So bleiben sie ursprünglich und für andere eine Herausforderung, sie selber zu erkunden. Das ist Teil ihrer Magie.»
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