Tiefsee: Abtauchen für ein sicheres Morgen

Autor: Siebo Heinken  —  Bilder: Philipp Spalek

Zusammenfassung: Wie in Frank Schätzings Roman "Der Schwarm“ suchen Bremer Geologen vor der Küste Kalabriens den Energieträger der Zukunft: Methanhydrat. Das Gas birgt viele Chancen, aber auch große Risiken. Zwischendurch drohte die Mission jedoch zu scheitern: die Technik streikte. Letztendlich fanden die Forscher keine Spur von Methanhydrat. Dennoch schafften sie etwas, das bisher noch kaum jemandem geglückt ist: Sie fertigten präzise Karten des Meeresboden an.

Die Tiefsee stinkt nach faulen Eiern. Als das graue Plastikrohr auf den Tisch gehoben wird, fliehen die Matrosen aus dem Labor. Aber Gerhard Bohrmann lächelt. „Super“, sagt der Geologe „genau getroffen! Direkt in den Vulkan, 1600 Meter unter uns.“

Wir sind knapp 50 Kilometer vor der Küste Kalabriens. Es ist der siebte Tag unserer Expe­dition, kurz nach neun Uhr abends. Nacht um­hüllt uns, nur vom italienischen Stiefel schim­mert in der Ferne das Licht der Küstenorte. Das Mittelmeer hat Ruhe gegeben, die „Meteor“ liegt still auf dem Wasser. Sie ist „eingeparkt“, ihr Navigationssystem hält sie auf 38 Grad 36,45 Minuten Nord, 17 Grad 11,24 Minuten Ost: ge­nau oberhalb von zwei Schlammvulkanen. Aus einem haben die Wissenschaftler gerade die Sedimentprobe genommen und ins Labor ge­bracht. Sie soll ihnen Auskunft darüber geben, wann und wie dieser Vulkan zuletzt ausgebro­chen ist und was er aus dem Erdinneren an die Oberfläche gebracht hat.

Schlammvulkane? Seit wenigen Jahrzehnten erst erforschen Wissenschaftler dieses geolo­gische Phänomen. Aus Öffnungen in der Erd­kruste wird kein Magma, sondern eine Mi­schung aus Ton und Wasser ausgespuckt. Solche Formationen kommen vor allem dort vor, wo sich eine Erdplatte unter die andere schiebt und dadurch Schlamm nach oben gepresst wird. 50 solcher Vulkane gibt es allein hier, im Kalabri­schen Bogen, wo die Afrikanische auf die Eura­sische Erdplatte trifft, mehr als 500 bekannte im östlichen Mittelmeer, wohl Zehntausende welt­weit. Die meisten verborgen in der Tiefsee.

Video: Der Kapitän der „Meteor“ stellt sein Schiff vor


Gerhard Bohrmann und sein Team von 30 Wissenschaftlern interessieren nicht nur die Vulkane selbst, sondern besonders die Gase, die sie in großer Menge freisetzen: Schwefelwasser­stoff und Propan, vor allem aber – Methan. In großen Tiefen bildet es zusammen mit Wasser­molekülen eine Substanz ähnlich wie Schnee­matsch, die Forschern noch immer Rätsel auf­ gibt: das Methanhydrat. Es löst Hoffnungen wie Ängste aus. Manche sehen es als Superstoff für unsere Gesellschaft, die wie ein Junkie an der Energiespritze hängt, andere fürchten den gol­denen Schuss für die Menschheit.

Video: Auf Expedition mit der „Meteor“


Methan entsteht über Millionen Jahre im Meer, wenn Bakterien abgestorbenes organisches Material abbauen, das auf den Boden gesunken ist und von Sediment bedeckt wurde. Kommen hoher Druck und tiefe Temperaturen zusammen, dann bildet Methan mit Wassermolekülen das Gashydrat. In Polargebieten findet man es schon in 250 bis 300 Metern, in wärmeren Gewässern in größerer Tiefe, wo der Druck höher ist. Besonders oft kommt es an den Kontinentalrändern vor, wo sich weit mehr Nährstoffe ablagern als in der Tiefsee. Wissenschaftler schätzen die Menge des Methanhydrats in allen Weltmeeren auf 100 Gigatonnen (entspricht 100 Milliarden Tonnen), manche sogar auf bis zu 530.000 Gigatonnen. Es könnte ein Mehrfaches der Energie liefern als alle weltweit noch zur Verfügung stehenden Vorräte an Erdöl, Erdgas und Kohle. Ein Kubikmeter Methanhydrat enthält 164 Kubikmeter Methan. In Japan wurde bereits damit begonnen, es versuchsweise zu fördern. Energiekonzerne wittern ihr nächstes großes Geschäft.

Doch Forscher warnen. „Wir wissen zu wenig über die Folgen des Abbaus für Umwelt und Ökosystem“, sagt Gerhard Bohrmann, 59, Professor für Geologie an der Universität Bremen und stellvertretender Direktor des Zentrums für Marine Umweltwissenschaften (Marum), eine Kapazität seines Fachs. Der Wissenschaftler ist das Vorbild der gleichnamigen Figur in Frank Schätzings Ökothriller „Der Schwarm“. Ein Buch über eine geschundene Natur, die Rache an den Menschen nimmt. Schätzing lässt Bohrmann als Held im Kampf gegen Würmer auftreten, die dieses Hydrat auflösen, wodurch unterseeische Hänge abrutschen. Tsunamis zerstören daraufhin halb Nordeuropa und bedrohen Amerika.

Die Würmer waren Fantasie des Autors, die Flutwelle ist Realität. Man weiß, dass Methanhydrat die Kontinentalhänge stabilisiert wie Zement den Mörtel. Vor 8000 Jahren gab es durch die sogenannte Storegga-Rutschung an der norwegischen Küste einen bis zu 20 Meter hohen Tsunami, der das Leben auf den Shetland- und Faröer-Inseln vernichtete und Island erreichte. Ein wahrscheinlicher Auslöser, das weiß man heute: instabil gewordenes Methanhydrat am Meeresboden.

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Sie wollen mehr über die Expedition der "Meteor" erfahren? Lesen Sie hier Siebo Heinkens Blog von Bord!

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(NG, Heft 4 / 2015, Seite(n) 44 bis 65)

Heute morgen die letzten Vorbereitungen fürs Auslaufen. Alle Gerätschaften werden festgelascht, kleine Teile verstaut. Dann wie üblich die Durchsuchung des Schiffs. Gibt es blinde Passagiere, verdächtige Gegenstände? mehr...
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