Tiergifte: Der Biss, der heilt

Autor: Jennifer S. Holland  —  Bilder: Mattias Klum

Können Schlangen heilen? Ganz sicher, sagt der Herpetologe Zoltan Takacs, der auf oft riskante Weise den Nutzen von Giften für die Medizin erforscht.

Ein glutheißer Tag im mexikanischen Bundesstaat Guerrero. Michael, mit seiner Familie gerade zum Urlaub hier, will sich abkühlen. Er nimmt seine Badeshorts von einem Stuhl, zieht sie an und springt in den Pool. Plötzlich spürt er einen brennenden Schmerz am Oberschenkel. Er reißt sich die Hose vom Leib und stürzt aus dem Becken. Sein Bein tut höllisch weh. Im Wasser zappelt ein kleines gelbes Wesen.

Er schubst es in eine Plastikdose, dann rast der Hausverwalter mit ihm zur örtlichen Rotkreuz-Station. Die Ärzte dort erkennen sofort, was ihn attackiert hat: ein Rindenskorpion der Gattung Centruroides sculpturatus, eines der giftigsten Tiere in Nord- und Mittelamerika. Dem extremen Schmerz nach einem Stich folgt meist ein Gefühl, als jagten Elektroschocks durch den Körper. Manche der Opfer sterben.

Michael, der seinen vollen Namen nicht gedruckt sehen will, hat Glück: Da Rindenskorpione in der Gegend häufig vorkommen, ist ein Gegengift vorrätig. Gut 30 Stunden nach dessen Injektion sind die Schmerzen weg. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Acht Jahre lang hat Michael an Morbus Bechterew gelitten, einer chronischen rheumatischen Erkrankung der Gelenke. Man vermutet, dass ihr eine Störung des Immunsystems zugrunde liegt. Im schlimmsten Fall verwächst die Wirbelsäule und wird steif. «

Jeden Morgen tat mir der Rücken weh, und an schlimmen Tagen konnte ich überhaupt nicht mehr laufen», sagt er. Aber nur wenige Tage nach dem Stich des Skorpions schwinden die Symptome. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen, und Michael hat praktisch keine Beschwerden mehr. Die meisten Medikamente hat er abgesetzt. Da er selber Arzt ist, äußert er sich vorsichtig, er will die Rolle des Skorpiongifts nicht überbewerten. Dennoch sagt er: «Kämen die Schmerzen zurück, würde ich den Skorpion noch einmal zustechen lassen.»

Tierisches Gift – die Waffe unzähliger Schlangen, Spinnen, Skorpione und Insekten, die uns auf Wanderpfaden begegnen oder sich im Keller oder unter Holzstapeln verbergen – ist das effektivste Tötungsmittel der Natur. Die komplexe Flüssigkeit aus Zähnen und Stacheln enthält toxische Proteine und Peptide – Letztere sind kurze Stränge von Aminosäuren, sozusagen Miniproteine. Sie dienen unterschiedlichen Zwecken und wirken auf unterschiedliche Weise – aber immer im Zusammenspiel, um maximale Wirkung zu erlangen. Einige lähmen, indem sie Botschaften der Nervenstränge an die Muskeln blockieren. Einige greifen Moleküle an und lösen so die Strukturen von Zellen und Gewebe auf. Tiergift kann töten, indem es Blut gerinnen lässt und das Herz lähmt – oder die Blutgerinnung unterbindet und das Opfer verbluten lässt.

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(NG, Heft 04 / 2013, Seite(n) 76 bis 93)
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