Das eisige Grab

Artikel vom 01.11.1999  —  Autor: Johan Reinhard  —  Bilder: Maria Stenzel

Bei den Inka waren Menschenopfer selten. Sie sollten besondere Darbringungen für die Götter sein und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Untertanen aus mehr als 100 Kulturen stärken. Nur wenige der hoch gelegenen Ruinen in den Anden sind der Plünderung durch Grabräuber entgangen. Als Arcadio Mamani im Frühjahr 1999 auf dem 6739 Meter hohen Gipfel des Cerro Llullaillaco das Wort „Mumie" ausrief, war der archäologische Glücksgriff schon fast gelungen: In dem eisigen Grab lag in zwei Meter Tiefe eine kunstvoll in ein Tuch gewickelte, gefrorene Leiche eines etwa acht Jahre alten Jungen.

Kurze Zeit später entdeckte das Team um den Archäologen und NATIONAL GEOGRAPHIC-Autor Johan Reinhard in unmittelbarer Nähe zwei seit 500 Jahren erstarrte Mädchenleichen. Bis dahin war „Juanita", das 1995 ebenfalls von Reinhard in Peru gefundene Mädchen aus dem Eis, die einzige gut erhaltene weibliche Inka-Mumie gewesen.

Die 13 anstrengenden Tage in der dünnen und bitterkalten Luft der höchstgelegenen Fundstätte der Welt haben sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Mit zunehmend wunden Fingerspitzen legten die erfahrenen Spezialisten nicht nur die tiefgefrorenen Kinderkörper frei, sondern auch zahlreiche Artefakte: 20 bekleidete und 16 unbekleidete Kunstfiguren sowie Dutzende anderer Beigaben — Statuetten, Töpferwaren, Beutel mit Lebensmitteln, Kokabeutel.

Eine vollständige Untersuchung der Mumien sowie der dazugehörigen Textilien und Kunstgegenstände wird Jahre dauern. Doch einige Ergebnisse liegen bereits vor. Computertomographien zeigen, dass die inneren Organe optimal konserviert sind, sie enthalten offenbar große Mengen gefrorenen Blutes. „Die mitochondrale DNS könnte nicht besser sein", meint Keith McKenney vom Institut für Biowissenschaften an der George-Mason-Universität in Virginia. Damit kann man die Nachfahren der ausgewählten Inka-Opfer in heutiger Zeit identifizieren.


(NG, Heft 11 / 1999)
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