Es waren einmal zwei Brüder; die lebten in Deutschland und sammelten Geschichten aus uralten Zeiten - Märchen, die von Zauberern handelten, von Edelleuten, Hexen, Zwergen und Bösewichten.
Als 1812 die "Kinder und Hausmärchen" der Brüder Grimm das erste Mal erschienen, ahnten die bescheidenen Brüder aus dem hessischen Hanau nicht, dass sich das Inhaltsverzeichnis ihrer Sammlung einmal wie das Who`s who der Märchenwelt anhören würde: Aschenputtel, Dornröschen, Schneewittchen, Rotkäppchen, Rapunzel und Rumpelstilzchen sind längst Weltkulturgut geworden.
In mehr als 160 Sprachen wurden die Märchen bisher übersetzt; sie trugen einiges dazu bei, dass Walt Disney mit Adaptionen von Schneewittchen (Snow White) und Aschenputtel (Cinderella) zum Mediengiganten aufsteigen konnte.
Dabei verkauften sich die 210 vorwiegend aus mündlicher Überlieferung zusammengetragenen Texte erst nur mäßig. Jacob und Wilhelm, die sich eher als patriotische Volkskundler denn als Kinderunterhalter verstanden, wollten bedrohtes Kulturerbe vor dem Vergessen bewahren.
Erst die "Kleine Ausgabe" von 50 Märchen aus dem Jahre 1825 brachte den Brüdern, die seit dem frühen Tod ihres Vaters in ärmlichen Verhältnisssen lebten, bescheidenen Erfolg. Die Grimms hatten damit begonnen, die Drastik der Märchen abzumildern, sexuelle Anspielungen herauszunehmen und den Märchen eine Moral aufzuprägen. Eltern lasen die Geschichten nun auch gern ihren Kindern vor.
Trotz aller Ergänzungen blieb der Kern der Geschichten, die rund 40 Personen aus dem Bekanntenkreis der Grimms beisteuerten, unangetastet. Jedoch verschonten Ideologen und Propagandisten die Grimmschen Märchen nicht: Im Dritten Reich wurde Rotkäppchen zur Symbolfigur für das aus den Fängen des bösen jüdischen Wolfs befreite deutsche Volk. Gewerkschaften instrumentalisierten in den USA Aschenputtel als Heldin, die örtliche Dienstmägde in einer Gewerkschaft organisierte.
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