Wir sind 150 Meter tief unter sattgrünem Regenwald. Taucher James Brown lässt sich in das dunkelgrüne Wasser einer überfluteten Passage namens "Tunkul Siphon" gleiten. Beladen mit Lampen und zwei Pressluftflaschen, wickelt er ein dünnes weißes Nylonseil ab, seine Sicherheitsleine für den Rückweg aus diesem unerforschten Abschnitt. Ich sitze am Rand der Vertiefung und warte.
Es ist meine sechste Expedition in das Höhlensystem von Chiquibul. Wie immer habe ich das Gefühl, eine unterirdische Bibliothek zu betreten, in der jahrhundertealte Berichte gelagert sind - über dramatische Klimaveränderungen , über lebende und ausgestorbene Tierarten, über das Leben der Maya , die einst diese Höhlen nutzten. Diesmal werden geologische Proben entnommen, um das Alter der Höhlen und die Folgen regionaler Bewegungen der Erdkruste abzuschätzen.
Neunzig Minuten vergehen. Schließlich steigen Luftblasen auf. Behängt mit 50 Kilo Ausrüstung, arbeitet sich Brown durch knietiefen Schlamm. Nach 60 Metern unter Wasser, so berichtet er, sei er in einer bis zu 50 Meter breiten, luftigen Halle aufgetaucht, die zur Cebada-Höhle gehört. Jetzt haben wir also Gewissheit: Die Tunkul-Höhle ist mit der Cebada-Höhle verbunden - zu einer einzigen Höhle, der weitaus längsten in Mittelamerika. Davon sind nun fast 40 Kilometer erforscht.
Wir haben wieder ein Stück für unser Puzzle. 1984 erkundeten Chas Yonge und ich zum ersten Mal die Tunkul-Höhle. Beim Vermessen der Gänge kamen wir in eine riesige Halle, jetzt "Belize-Halle" genannt. Unsere Lampen waren zu schwach. In einer Nacht ohne Himmel konnten wir Wände und Decke nur spüren. Mit fast 500 Meter Länge und 200 Meter Breite ist dies der größte bekannte Höhlenraum der westlichen Hemisphäre.
Solche Entdeckungen waren die Belohnung, als wir das Labyrinth von Kabal, Tunkul, Cebada und Xibalba vermaßen - vier hydrologisch miteinander verbundene Höhlen, die vom Fluss Chiquibul an der Grenze zwischen Belize und Guatemala ausgewaschen worden sind.
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