Auf Sieg getrimmt

Artikel vom 01.09.2000  —  Autor: Rick Gore

"Kann ich einen Rekord brechen?" - "Warum nicht?", erwidert Bill Kaiser vom Trainingsstab der US-Schwimmstaffel und befestigt einen Gurt um meine Taille. Ich gleite in das 50-Meter-Becken des Olympischen Trainingszentrums von Colorado Springs, nicke Kaiser zu und stoße mich vom Rand ab. Eigentlich ist der menschliche Körper nicht zum schnellen Schwimmen gemacht, auch nicht dazu, einen Ball mit dem Fuß zielgenau zu kicken oder komplizierte Salti vom Zehnmeterturm zu springen. Seit wir Sport und Wettkampf entdeckt haben, versuchen wir, die Grenzen der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers zu erkunden.

Viele Faktoren müssen zusammenkommen, um einen Spitzensportler zu formen. Aber das wichtigste scheinen die richtigen Gene zu sein. Eliteathleten sind in gewissem Sinne eine Laune der Natur. Zum Beispiel die Muskeln: Die Fasern der meisten menschlichen Muskeln verteilen sich fast gleichmäßig auf helle Fasern, die sich sehr schnell zusammenziehen, und dunkle, die sich langsamer zusammenziehen, dafür Energie aber deutlich wirkungsvoller umsetzen. Doch bei manchen Menschen ist das Verhältnis schneller zu ausdauernder Muskelfasern auf Grund ihrer Gene anders verteilt. Olympische Gewichtheber besitzen ein ungewöhnlich hohes Maß an schnellen Muskelfasern. Dies verleiht ihnen die explosive Kraft, Hunderte von Kilo in Sekundenbruchteilen vom Boden über den Kopf hochzureißen. Die Beine eines Marathonläufers können dagegen bis zu 90 Prozent langsame Muskelfasern enthalten, die ihn überdurchschnittlich ausdauernd machen.

Gewichtheber verbessern ihre Fähigkeiten, indem sie dieselben Bewegungen so oft wiederholen, bis sie nahezu reflexartig werden. Greg Louganis, vierfacher Goldmedaillengewinner im Turmspringen, sagt, dass Turmspringer genauso trainieren: "Man hat weniger als drei Sekunden vom Absprung bis zum Eintauchen ins Wasser, also muss alles automatisch funktionieren. Man muss immer dieselben Sprünge wiederholen, Hunderte, vielleicht Tausende Male." Louganis gibt zu, dass sein eigener Antrieb, sich zu schinden, zwanghaft gewesen sein könnte: "Ich setzte das Gewinnen von Medaillen mit Liebesgewinn gleich. Wenn ich psychisch und emotional ausgeglichener gewesen wäre, hätte ich das nicht getan."

Die intensive Arbeit, das Verletzungsrisiko und der Wettkampfdruck bringen manchen Sportler in Versuchung, seine Trainingsleistung durch Dopingmittel wie anabole Steroide zu steigern. Zwar sind die Tests für konventionelle Anabolika und Aufputschpräparate inzwischen sehr gut. Aber zwei der zur Zeit beliebtesten Dopingmittel sind schwer nachzuweisen: das synthetische Wachstumshormon HGH und der gentechnisch produzierte Blutbildner Erythropoietin (EPO). Beide kommen von Natur aus im Körper vor, und wenn sie von außen ergänzt werden, steigern sie Muskelkraft und Ausdauer. Allerdings können Mittel wie HGH und EPO bei Überdosierungen ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen, von Arthritis und Schlaganfällen bis hin zu Leber- und Herzkrankheiten.

Aber im Sport, wo viel Geld auf dem Spiel steht und der Unterschied zwischen Gold und Silber in Sekundenbruchteilen liegen kann, sind viele Athleten bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Bei der gerade erst beendeten Tour de France wurden wieder mehrere Radrennfahrer wegen zu hoher EPO-Werte aus dem Rennen genommen. Im Juli, während meines Aufenthalts in Sydney, offenbarte sich der beste Diskuswerfer Australiens, Werner Reiterer, als chronischer Doper. Zugleich klagte er vor allem die Schwimmer und Leichtathleten seines Landes an. Unter denen verschafften sich besonders viele Wettbewerbsvorteile auf chemische Weise. Die Australier reagierten aufgeschreckt. Sie sind aber entschlossen, diese Art des Missbrauchs bei "ihren" Olympischen Spielen zu verhindern. "Das ist unsportlich und unfair", sagt Nicky Vance, die Leiterin der Dopingkontrolle der Spiele von Sydney. "Australien wird erst in Jahrzehnten wieder die Gelegenheit bekommen, olympische Wettkämpfe auszurichten. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir es richtig machen können."


(NG, Heft 09 / 2000)
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