Bostons Little Italy

Artikel vom 01.10.2000  —  Autor: Erla Zwingle

Ein Morgen im späten September. Über dem Friseursalon Johnny & Gino auf der Hanover Street reißen die Regenwolken auf, vom Hafen her weht eine frische Brise, die Sonne glänzt auf den goldenen Kuppeln der Bostoner Kolonialbauten. In seinem Salon legt Johnny "Shoes" Cammarata letzte Hand an Rico Federicos Frisur: "Ich bin hier geboren", erzählt er in seinem ausgeprägten Bostoner Akzent. "Aber daheim musste ich sizilianisch sprechen, wenn ich was zu essen haben wollte." Johnnys Bauch bildet einen anschaulichen Beweis dafür, dass seine Freude am Reden nur noch von der Leidenschaft für italienische Kost übertroffen wird. Was nicht überrascht bei einem Mann, der buchstäblich auf dem Küchentisch geboren wurde. "Und ich werde auch auf dem Esstisch sterben", sagt er fröhlich, "mit dem Gesicht in einem Teller Lasagne. Und links und rechts ein Fleischbällchen."

Das zweieinhalb Quadratkilometer große North End der Stadt ist das eigentliche Boston. Vielleicht hatte es von jeher ein starker Mythos geprägt - mehr als all die anderen unzähligen Little Italys der USA - von Millinocket in Maine bis nach San Diego in Kalifornien. Der North-Ender ist eine komplexe Mischung aus mediterraner Emotion, Yankee-Energie und scheinbar grenzenloser Loyalität zu den eigenen Leuten. Wer von sich sagen kann, er sei ein North-Ender, der steht, wie ich bald feststelle, ein paar Sprossen höher als ein x-beliebiger Nobelpreisträger. Die North-Ender haben sich eine Heimat geschaffen, in der jeder jeden von Geburt an kennt und alles geteilt wird: von den Müttern bis zu den Märchen, von den Sofas bis zum Sonntagsbraten; vom Besuch des Badehauses bis zum Riemen für die Hintern der Sprösslinge und nicht zuletzt das instinktive Gefühl dafür, dass alles, was gut ist für die Familie, auch gut ist für die Nachbarschaft.

Das North End war ursprünglich englisch, dann amerikanisch. Danach wurde es irisch, schließlich jüdisch. Um 1870 begann allmählich die Flut von Italienern einzudringen. Eine verheerende Kombination aus Armut, Krankheit und Naturkatastrophen, politischer und ökonomischer Unterdrückung vertrieb sie aus Süditalien.

In den dreißiger und vierziger Jahren - auf dem Höhepunkt der Einwanderung - lebten 42000 Menschen in dem Viertel, davon waren 95 Prozent Italiener. Hier leben jetzt immer mehr Fremde, das engmaschige Gewebe des North End beginnt allmählich auszufransen. Viele North-Ender sind entsetzt darüber, wie schnell sich das Viertel verändert.

Das North End ist "in". Heute verwandeln sich ständig Läden in Restaurants. "Jeder versucht zu kriegen, was er kann, solange es noch geht", verrät mir ein North-Ender. "Als ich ein Kind war", sagt ein anderer, "gab es 100 Metzger und fünf Restaurants. Heute sind es fünf Metzger und 100 Restaurants."

Zu einem vollkommenen Tag im Viertel gehört ein gemütlicher Rundgang, der sich immer weiter verzweigt, je mehr neue Plätze und Menschen ich kennen lerne. Meine letzte Station ist wie immer der Zigarrenladen Bella Fuma von Lynne Poland in der Cross Street, am äußersten Ende des North End. Wie Johnny "Shoes'" Friseursalon hat auch ihr Geschäft etwas von einem Klubhaus. An einem milden Oktobernachmittag organisiert Lynne eine Überraschungsfeier für ihren Mitarbeiter. Freddy wird 87, er hatte noch nie in seinem Leben eine Geburtstagsparty - und ist sprachlos. Es ist ein wundervoller Nachmittag im North End, mit viel Zigarettenrauch und noch mehr Gelächter.


(NG, Heft 10 / 2000)
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