Das gefälschte Fossil

Artikel vom 01.10.2000  —  Autor: Lewis M. Simons

Der Name des Tieres - Archaeoraptor liaoningensis - ist fast so lang wie sein Schwanz, aber für mein ungeübtes Auge sahen die paar dünnen Knochen nicht anders aus als die Reste des Hähnchens, das ich am Sonntagabend gegessen hatte. Einige angesehene Paläontologen dagegen hielten das kleine Skelett für einen seit langem gesuchten Schlüssel zu einem Geheimnis der Evolution. Anderen erschien es als eine billige Fälschung. Und Bill Allen, dem Chefredakteur von NATIONAL GEOGRAPHIC in Washington, verursachte es große Kopfschmerzen.

Im November 1999 verkündete die Zeitschrift im Beitrag T-Rex mit Federn? , man habe ein Fossil in einer armen Region in Nordostchina entdeckt - das lang gesuchte Missing Link, "das Bindeglied in der komplizierten Evolution vom Dinosaurier zum fliegenden Vogel". Als sich herausstellte, dass das Fossil kunstvoll aus Teilen völlig unterschiedlicher Lebewesen zusammengesetzt war, dass es sich also um Betrug handelte, erlebte Allen ein Wechselbad der Gefühle: Er war entsetzt, gedemütigt und wütend.

Schließlich beauftragte er mich, die wahren Vorgänge aufzuklären. Ohne Rücksicht auf die Kosten nehmen zu müssen, streifte ich durch Teile Chinas und der Vereinigten Staaten, aber auch durch die heiligen Hallen der National Geographic Society in Washington. Ich befragte Bauern und Doktoren, Trödler und Journalisten. Ich spähte durch Mikroskope und einen mit Blei ausgekleideten Scanner von der Größe eines Zimmers. Und dann stellte ich aus allem, was ich gesehen, gehört und gelesen hatte, einen kurzen Bericht über den Archaeoraptor zusammen.

Es ist eine Geschichte über fehlgeleitete Heimlichtuerei und falsches Vertrauen, über Profilneurosen, Selbstdarstellung, Wunschdenken, naive Annahmen, menschliche Irrtümer, Starrsinn, Manipulation, üble Nachrede, Lügen, Korruption und - vor allem anderen - über bodenlos schlechte Kommunikation. In dieser Geschichte sieht keiner der Beteiligten gut aus. Und wie bei dem kleinen Knochengerüst selbst fehlen auch hier zwangsläufig einige Puzzelsteine. Am 20. Dezember versetzte Xu Xing, ein Wissenschaftler vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie in Peking, per E-Mail dem Missling Link den Todesstoß: "Wir müssen zugeben, dass es sich bei dem Archaeoraptor um einen gefälschten Fund handelt."

Bill Allen sagt, er habe durch diesen Vorfall die Wahrheit eines klugen Spruchs begriffen, der unter Wissenschaftlern schon seit langem in Umlauf ist: "'Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise'. Wir haben eine außergewöhnliche Behauptung aufgestellt, aber wir haben sie äußerst mangelhaft geprüft."


(NG, Heft 10 / 2000)
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