"Willkommen im Schwarzen Dreieck", sagt die Paläobiologin Cindy Looy, als unser Kleinbus in der sanften Hügellandschaft hält. Wir stehen im Norden der Tschechischen Republik, bis zur polnischen und deutschen Grenze sind es nur wenige Kilometer. "Schwarzes Dreieck" heißt die Gegend wegen der Kohle, die in den nahe gelegenen Kraftwerken verstromt wird. Ihre Abgase verwandeln die Niederschläge in jenen sauren Regen, der seit Jahrzehnten die Ökosysteme der Region zerstört.
Seit Monaten bin ich der größten Naturkatastrophe der Erdgeschichte auf der Spur. Vor etwa 250 Millionen Jahren, am Ende der Permzeit, geschah etwas, was rund 90 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten auf der Erde den Tod brachte. In den Meeren überlebten nicht einmal fünf Prozent der Tierarten, an Land schaffte es von den großen Tieren knapp ein Drittel. Fast alle Bäume starben. Looy hatte mir gesagt, das Schwarze Dreieck sei heute die beste Gegend, um zu beobachten, wie die Welt nach dem großen Sterben ausgesehen haben könnte.
Looy gehört zu den Wissenschaftlern, die weltweit eine Erklärung für das größte Massensterben suchen, das unseren Planeten je heimgesucht hat. Das bekannteste Ereignis dieser Art beendete vor 65 Millionen Jahren die Herrschaft der Dinosaurier . Dieser Fall ist nach Ansicht der meisten Fachleute geklärt. Ausreichend viele Indizien weisen auf einen Asteroiden hin, der auf der Erde einschlug und riesige Katastrophen auslöste, von weltweiten Großbränden bis zu langjährigen Klimaveränderungen. Für den Verursacher des Biozids vor 250 Millionen Jahren dagegen gibt es bisher nur eine ganze Reihe von Verdächtigen, aber keine eindeutige Spur. Das liegt auch daran, dass Sedimente mit Fossilien vom Ende des Perms selten und oft auch unzugänglich sind.
Eine Fundstelle, in der sich Opfer des Aussterbens erhalten haben, liegt in Südafrika, etwa 300 Kilometer landeinwärts von Kapstadt in einer Buschlandschaft namens Karru. Wären wir vor dem großen Sterben hier gefahren, hätten wir eine ebenso üppige, vielgestaltige Tierwelt vorgefunden wie heute in der Serengeti - mit dem Unterschied, dass die meisten Arten damals zur Gruppe der Synapsiden gehörten. Diese Tiere, säugetierähnliche Reptilien, sahen aus wie eine Kreuzung zwischen Hund und Eidechse.
Auch Pflanzen waren vom Aussterben betroffen. Indizien, welches Ausmaß die Schäden in den Wäldern der Welt hatten, finden sich in den Dolomiten, südöstlich von Bozen. Mark Sephton von einem Forschungsteam der Universität Utrecht führt uns über loses Gestein zu einem Felsvorsprung. Mit seinem Hammer schlägt er ein paar Brocken ab. Jedes Bruchstück enthält mikroskopisch kleine Fossilien, Reste von Pflanzen und Pilzen. Die Proben aus den unteren Schichten stammen aus der Zeit vor dem Aussterben und sind voller Pollen, wie sie für einen gesunden Nadelwald typisch sind. An der Grenze zwischen Perm und Trias jedoch treten auf einmal versteinerte Pilze an die Stelle der Pollen.
Bei diesen Pilzen dürfte es sich um eine explosionsartig gewachsene Population von Holzzersetzern handeln, die sich damals an den toten Bäumen gütlich taten.
"So viele Arten zu töten ist allerdings nicht einfach", sagt Doug Erwin, ein Paläontologe des Smithsonian-Instituts. "Da muss schon etwas Katastrophales passiert sein". Vulkanausbrüche oder eine globale Erwärmung etwa. Gregory Retallack, ein Geologe der Universität von Oregon, hat in erster Linie einen Asteroideneinschlag in Verdacht. Ich frage Retallack, welche globalen Auswirkungen ein solches Ereignis denn haben würde. "Wolken aus giftigen Gasen breiten sich aus, und verdunkeln monatelang die Sonne. Die Temperaturen sinken, ätzender saurer Schnee und Regen fallen. Wenn sich die Wolken verziehen, ist die Atmosphäre voller Kohlendioxid. Es stammt von den Bränden, die der Einschlag des glühenden Asteroiden verursacht hat, und von den verwesenden Tier- und Pflanzenleichen. Kohlendioxid ist ein Treibhausgas; es würde nach der vorübergehenden Abkühlung für eine globale Erwärmung sorgen, die Jahrmillionen anhält."
Es gibt aber auch Wissenschaftler, die vermuten, dass der Tod aus dem Meer kam. Der Grund könnte Sauerstoffmangel gewesen sein. Der Paläobiologe Andrew Knoll von der Harward-Universität glaubt, dass irgendein großes Ereignis die Meere durcheinander brachte. Deshalb, so seine Vermutung, stieg das kohlensäurehaltiges Wasser aus der Tiefe auf, und da dabei sein Druck abnahm, wurde das enthaltene Kohlendioxid frei. Nach dieser Theorie hätten die Meere zeitweise gesprudelt wie ein Kessel Mineralwasser. Bei steigender Kohlendioxidkonzentration in flachen Gewässern wären die Fische allmählich narkotisiert worden und in einen tödlichen Schlaf hinübergedämmert. Doug Erwin hält es angesichts der Ausmaße der Katastrophe im Perm allerdings auch für möglich, dass mehrere Ursachen zusammenkamen - Vulkanausbrüche, ein Asteroideneinschlag, Sauerstoffmangel in den Meeren. Und es könnte wieder geschehen. "Die Frage ist nur, wann? In hundert Millionen Jahren? Morgen?"
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