Das Wasser sprudelt aus Tümpeln hoch, versteckt hinter einem Dickicht aus Bäumen und Büschen, mitten auf einer frisch gemähten Bergwiese. Hier entspringt der Blaue Nil, der in Äthiopien Abbai ("Großer Fluss") genannt wird. Marigeta Birhane Tsige schaut vom Gipfel des 3200 Meter hohen Mount Gische hinunter auf die Quelle. "Sie ist einer der heiligsten Orte des Lands", erklärt uns der mit einem Turban geschmückte Priester der äthiopischen orthodoxen Kirche. Um die Quelle haben sich viele Dorfbewohner versammelt. Sie warten darauf, ihre Kalebassen, Flaschen, Gefäße und Plastikkanister mit heiligem Wasser zu füllen. "Sie suchen die Macht des Abbai", sagt Marigeta, dessen Name Heiliger Lehrer bedeutet. "Der Fluss fließt in alle Richtungen", sagt er, "nach Norden, Osten, Süden und Westen." Diese Spirale, sagt Marigeta, gibt dem Flusswasser magische Kraft. "Er umkreist Äthiopien wie ein Hütejunge, der seine Kühe bewacht."
Der Strom wird von den Äthiopiern geliebt und gehasst, verehrt wie ein Heiliger und verabscheut wie der schlimmste Sünder. Der Nil schwemmt kostbaren Mutterboden weg. Er rauscht ungestaut dahin, kein Acker bekommt Wasser von ihm. Er ist von Krokodilen und Flusspferden bevölkert und von Malariamücken verseucht. Sein gewaltiges, schluchtartiges Flusstal teilt das Land in zwei Hälften. Orthodoxe Christen wie auch die Anhänger von Naturreligionen glauben, dass mächtige Geister in ihm wohnen - einerseits teuflische Dämonen, andererseits ein Wesen, das fast gottgleich ist. "Vergesst nicht, dem Abbai Brot zu opfern", mahnt uns eine Frau mit einem blauen tätowierten Kreuz auf der Stirn, als wir unsere Wanderung im obersten Teil südöstlich des Tanasees beginnen. "Im Wasser sind böse Geister, die euch packen und hinabziehen können."
Erst in den fünfziger Jahren gelang es, Teilstrecken des Blauen Nil mit einem Boot zu befahren. Zehn Personen, darunter drei Bootsführer, ein Sanitärer und ein Dolmetscher, sollten unser Team bilden.
Aber als wir unterhalb der Tisisat-Fälle aufbrechen, hat sich unser Trupp zu einem großen, lang gestreckten Zug entwickelt: Führer, Träger, Esel samt deren Treibern und andere Mitläufer - wir wirken wie eine schwerfällige Handelskarawane. Es ist nicht so recht klar, wer die Leitung hat, wo das Team anfängt und aufhört, aber eigentlich spielt das auch keine Rolle.
Wir wandern steil bergab, zum Ufer des Blauen Nil. Für uns liegen hier Schlauchboote und Ausrüstung für unsere Fahrt zur sudanesischen Grenze bereit. Gegen Mittag legen wir ab. Speaks und die zwei anderen Bootsführer greifen zu den Rudern, steuern die Boote in die Flussmitte. Sofort werden wir von der Strömung fortgerissen, wie Treibgut im schlammigen Wasser...
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