Der Weg nach Westen

Artikel vom 01.09.2000  —  Autor: John G. Mitchell

Die Skeptiker sagten, es sei unmöglich. Man müsse verrückt sein, so was zu versuchen. Nie zuvor hatte jemand eine Horde ausgewanderter Greenhorns zusammengetrieben, ihre Nasen gen Sonnenuntergang gerichtet und sie aufgefordert, ihr Leben zu riskieren und ohne Kompass und verlässliche Karten die furchterregenden 3000 Kilometer zwischen ihnen und Kalifornien zu überwinden. Aber am äußerste Rand von Missouri, wo damals das Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika endete, kochte manchen Leuten das Blut, wenn sie an den Landstrich dachten, wo die Sonne unterging. Sie konnten nicht anders, sie mussten es einfach wagen.

Im Frühjahr 1841, als das Präriegras jenseits der Eichenwälder zu grünen begann, zogen also 60 bis 70 Abenteurer Richtung Westen los. Auf den dürren Hochebenen mussten sie Wagen zurücklassen und Vieh schlachten, um mit dem Fleisch in den Bergen zu überleben. 34 von ihnen hielten durch und kamen in Kalifornien an, das damals noch zu Mexiko gehörte. "Ich bin zuversichtlich, dass bald eine gewaltige Flut von Auswanderern über dieses Land hereinbrechen wird", sagte ein angloamerikanischer Auswanderer wenige Monate nach dem Eintreffen der Pioniere. "Ich wünsche mir so sehr... dass dieses Land von Amerikanern bevölkert werde."

Die große Welle brach in der Tat herein. 1848, als Mexiko Kalifornien an die USA abtrat und beim Sägewerk des Schweizers John Augustus Sutter Gold entdeckt wurde, lebten in dem Gebiet an die 14000 amerikanische und mexikanische Einwohner. Bis Ende 1849 stieg die Zahl auf mehr als 100000 - genug, um Kalifornien am 9. September 1850 als Staat in die Union aufzunehmen. Selbst nachdem die meisten Goldadern versiegt waren, kamen innerhalb nur einer Generation fast eine Viertelmillion Auswanderer zu Fuß und im Planwagen über den California Trail.

Nie zuvor hatten Menschen bei einer Überlandwanderung so viele Kilometer in so kurzer Zeit zurückgelegt. Auf dem Höhepunkt der Migrationswelle, in den Jahren 1849 bis 1852, bot sich Reisenden ein Anblick, als sei eine Armee auf dem Vormarsch - eine Sintflut von Sterblichen, die es so nicht mehr gegeben hatte, seit die Goten über das alte Rom hergefallen waren. Der Treck nach Westen barg in der Tat viel Unbill: die kalten Winde der Prärie, die Hagelstürme im April, die Blasen an den Füßen, das von Mücken geschwollene Gesicht, das in schlammigen Wagenspuren gebrochene Rad, das zerrissene Pferdegeschirr, ausgebüxte Maulesel - und immerzu die Ahnung, dass alles nur der Anfang war.

Laut einer Schätzung starben zwischen 1841 und 1859 auf dem California Trail 20000 Menschen - das waren durchschnittlich sechs Gräber pro Kilometer. Was den meisten zum Verhängnis wurde, war eine Kombination aus verseuchtem Wasser, unzulänglicher Ernährung und Erschöpfung durch die permanente Plackerei. Im Gegensatz zu dem Bild, das die damaligen Schwarzseher und die späteren Verfasser von Westernheftchen verbreiteten, trugen Konflikte mit Indianern nur wenig zu den Todesraten bei. Bis 1849 starben weniger als 50 Emigranten durch Angriffe der Ureinwohner. Die Zahl nahm mit wachsender Menge der Siedler zu; bis 1860 waren fast 400 Auswanderer den blutigen Auseinandersetzungen zum Opfer gefallen. Die Zahl der Indianer freilich, die von Trekkern getötet wurden, lag immer noch höher.

Man kann sich die Freude ausmalen als Pioniere wie Niles Searls nach Wochen der Plackerei endlich den letzten Gipfel am Squaw Ridge bezwangen. In seinem Tagebuch schreibt er dazu: "Im fernen Dunst sind die schwachen Umrisse des Sacramento-Tals auszumachen! Von nun an führt der Weg nur noch bergab, und unsere halb verhungerten Tiere bringen uns vielleicht durch." Sie taten es. Die ersten Auswanderer haben sich von Missouri bis Kalifornien geschleppt, haben Kalifornien zu einem Teil der Vereingten Staaten von Amerika gemacht. Wer war nur so naiv zu behaupten, das sei unmöglich?


(NG, Heft 09 / 2000)
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