Der Weiße Hai

Artikel vom 01.04.2000  —  Autor: Peter Benchley

"Haai op die aas." Worte, wie beiläufig hingeworfen, ein paar Brocken unverständliches Afrikaans eben. Doch plötzlich wirkt die Crew angespannt. Die Gespräche verstummen. Die Kameraleute greifen zur Ausrüstung. Der Tontechniker startet das Band.

Wir, ein gutes Dutzend Leute, zusammengedrängt auf zwei winzigen miteinander vertäuten Booten acht Kilometer vor der zerklüfteten Küste von Gansbaai (Südafrika), erstarren und spähen aufs Wasser. "Haai op die aas", sagt Andre Hartman nochmals. Diesmal ist klar, was er meint: "Hai am Köder." Eine stahlgraue Rückenflosse durchschneidet das spiegelglatte Meer. Mindestens zwei Meter dahinter schlägt das halbmondförmige Blatt einer Schwanzflosse hin und her und treibt den lebenden Torpedo auf uns zu.

Wo auch immer zwischen dem südlichen Ozean vor Australien und der Südostspitze Afrikas wir in den letzten sechs Monaten dem Weißen Hai begegnet sind, schien dieser prachtvolle Räuber darauf aus, das herkömmliche Wissen über ihn Lügen zu strafen. Je mehr wir erfuhren, desto deutlicher wurde uns, wie wenig man im Grunde über ihn weiß. Die Kenntnisse haben sich seit Erscheinen des Romans "Der Weiße Hai" im Jahr 1974 zwar beträchtlich erweitert.

Aber noch heute kann niemand - weder Wissenschaftler, Fischer noch Taucher - mit Gewissheit so elementare Fragen beantworten wie diese: Wie groß kann er werden, wie alt? Wie häufig kommt er vor? Wann und wo paaren sich Haie? Wie viele Junge werden ausgetragen? Wo lebt er überhaupt?

Vor allem aber: Was bringt den Hai dazu, einen Menschen anzugreifen, zu töten und aufzufressen, während ein anderer in sein scheinbar nicht minder wahllos angegriffenes Opfer zwar hineinbeißt, es aber wieder ausspuckt?

Durch das in den vergangenen 25 Jahren angesammelte Wissen über den Weißen Hai bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass ich mein Buch heute unmöglich so schreiben könnte - jedenfalls nicht mit gutem Gewissen. Niemand fand damals etwas dabei, den Hai zu dämonisieren. Das hatte der Mensch seit jeher getan, und Haie schien es in unendlicher Anzahl zu geben.

Heute wissen wir, dass diese erlesenen Geschöpfe der Evolution - von der Natur äußerst wirkungsvoll für das Töten ausgestattet - nicht nur keine Bösewichte sind, sondern vielmehr selber Opfer. Ihnen droht, wenn auch noch nicht das Aussterben, so doch eine ernsthafte, eventuell sogar katastrophale Dezimierung.


(NG, Heft 4 / 2000)
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