"Supermaus, bald bist Du eine tote Maus!", röhrt David Fasel im Stil seiner heiß geliebten Heavy-Metal-Bands.
Draußen tobt unentwegt der Wintersturm um unsere karge Hütte. Vor drei Tagen hatte sich die Maus über Davids letztes Tabakpäckchen hergemacht. Gestern Abend dann hat er das Tier getötet, doch im Siegesrausch brüllt er immer noch sein barbarisches Kriegslied. Ich weiß, mit Abstand betrachtet, klingt es schwachsinnig, aber hier, am Rande des südpatagonischen Inlandeises, muss ich jedesmal lachen, wenn ich den Refrain höre. Lachen, finde ich, ist für den Erfolg unserer Expedition genauso wichtig wie Essen. Aber es kann an die zehn Minuten dauern, bis wir unsere Witze verstehen.
Die Schweizer David Fasel, Thomas Ulrich und Stefan Siegrist sprechen nämlich nur ein bisschen Englisch. Ich komme aus Kalifornien und kann gerade mal ein paar Brocken Schweizerdeutsch. Hier, tief in den patagonischen Anden, wollen wir die erste Winterbegehung der schwierigen Westwand des Cerro Torre wagen - aber manchmal haben wir eben Probleme mit der Kommunikation. Der Cerro Torre ragt wie eine Nadel in den südlichen Himmel - der vielleicht perfekteste Berg der Welt. Seine Westwand nimmt in Bergsteigerkreisen heute einen Platz ein wie etwa die Eigernordwand zu Beginn der fünfziger Jahre.
Für Thomas und Stefan, die im Schatten des Eigers leben, ist die Nordwand eine Trainingstour. Aber der Cerro Torre ist nicht nur technisch viel schwieriger: Auch das patagonische Wetter mit seinen peitschenden Winden, dem Wolkengewirbel und dem stechenden Schnee macht jede Besteigung zum gefährlichen Abenteuer.
All dies relativiert die Tatsache, dass die Höhe des Cerro Torre von nur 3102 Metern keinen Alpinisten abschrecken kann. Die Aussicht hier oben ist einfach überwältigend. Das Eisfeld und die Berge erstrecken sich nach Norden, Süden und Westen. Die Sonne glitzert auf der Laguna del Desierto links von dem gewaltigen Keil des Fritz Roy. Die Felsenzähne der Bergkette sind zum Greifen nahe. Überall anders scheint es heftig zu stürmen. "Okay, Jungs das reicht. Und jetzt nichts wie weg hier."
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