Die grüne Apotheke

Artikel vom 01.04.2000  —  Autor: Joel L. Swerdlow

Fast zwei Drittel der 6,1 Milliarden Menschen auf der Welt verlassen sich auf die Heilkraft der Pflanzen, weil sie sich keine anderen Mittel leisten oder beschaffen können. Aber nicht nur dort, auch in den Industrieländern boomt der Verbrauch rezeptfreier pflanzlicher Mittel: Zum Beispiel gaben die Deutschen 1998 von den für 27,1 Milliarden Mark in Apotheken verkauften Medikamenten knapp 2,2 Milliarden Mark allein für Pflanzenpräparate aus.

Umstritten aber ist, wie viel davon für tatsächlich wirksame Präparate ausgegeben wurde. Während viele Pflanzen gründlich erforscht und ihre Wirkungen gut dokumentiert sind, lassen die Daten, die über andere gesammelt wurden, kaum sichere Aussagen zu. Die Wissenschaftler können häufig nicht sagen, welche chemischen Stoffe oder Verbindungen in der jeweiligen Pflanze für eine schmerzlindernde oder kreislauffördernde Wirkung verantwortlich sind. Darüber hinaus ist oft unklar, welche Rolle der Placeoboeffekt spielt: Menschen greifen zur Naturmedizin, weil sie sich besser fühlen wollen, und es geht ihnen nach der Einnahme tatsächlich besser, ganz gleich, ob die Substanz eine Wirkung hatte oder nicht.

Trotzdem steht außer Zweifel, dass viele Pflanzen Stoffe mit heilsamer Wirkung enthalten. Auszüge vom Roten Sonnenhut beispielsweise aktivieren jene Fresszellen im Blut, die krankmachende Bakterien und Viren attackieren. Knoblauch enthält Allicin, einen Bestandteil, der sowohl antibiotisch - gegen Bakterien - als auch antimykotisch - gegen Pilze - wirkt; außerdem Inhaltsstoffe, die den Cholesterinspiegel und den Blutdruck messbar senken.

Ingwer enthält mindestens zehn Wirkstoffe gegen Viren, zudem hilft er gegen Schwindel und Reisekrankheiten. Chemische Bestandteile der Kanadischen Gelbwurz, eines Krauts aus der Familie der Hahnenfußgewächse, töten bestimmte Bakterien, Pilze und Einzeller ab.

"Wir müssen neue Wege finden, auf die Natur zu hören, ohne auf die Vorteile der Wissenschaft zu verzichten," sagt Baruch Blumberg, der 1976 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam - unter anderem für die Entdeckung einer bestimmten Molekülstruktur auf der Oberfläche des Hepatitis-B-Virus. Blumberg: "Die Wissenschaft sollte dieser Frage aufgeschlossen gegenüberstehen. Denn dadurch definiert sich die Wissenschaft ja gerade, dass sie für neue Beweise, für neue Denkansätze offen ist. Wissenschaft kennt keine endgültigen Wahrheiten. Sie ist ein ständiges Suchen und Forschen."


(NG, Heft 4 / 2000)
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