Die Induskultur

Artikel vom 01.06.2000  —  Autor: Mike Edwards

Ein Maimorgen in Pakistan. Es ist sieben Uhr früh, die Sonne geht an einem wolkenlosen Himmel auf, die Temperaturen steigen; zu Mittag werden sie 43 Grad erreichen. Der Archäologe Richard Meadow kriecht schon zu dieser Stunde auf allen vieren in einer Grube herum. Er forscht nach Geheimnissen, die bis zu 4000 Jahre alt sind: den Hinterlassenschaften der ersten Städte Südasiens.

In der Provinz Pandschab befand sich früher Harappa, eine der größten Städte jener Zivilisation, die von 2600 bis 1900 v. Chr. an den Ufern des Indus und anderer Flüsse auf dem Gebiet des heutigen Pakistan und Indien blühte. Harappa war möglicherweise eines von vielen Zentren, die durch Handel und Blutsverwandtschaft verbunden waren. Sie bildeten das, was wir heute die Induskultur nennen. Ihr Gebiet reichte vom Arabischen Meer bis zum Vorgebirge des Himalaja im Norden und zum heutigen Neu-Delhi im Osten.

Die Menschen der Induskultur benutzten das Rad für den Transport und für die Herstellung von Töpferwaren. Sie waren die ersten, die in großem Umfang gebrannte Ziegel zum Bauen einsetzten. Wie die Mesopotamier, deren Städte sich ein paar Jahrhunderte vorher entwickelt hatten, besaßen auch die Harappaner ein Schriftsystem; Archäologen haben Tausende von Belegstücken ausgegraben. Die Symbole haben jedoch noch keinen einzigen vernünftigen Satz ergeben. Daher ist die Induskultur verwirrend und undurchschaubar geblieben. Ausgrabungen in jüngster Zeit beweisen, dass bereits 3300 v. Chr. an der Stelle des heutigen Harappa ein Dorf existierte - 700 Jahre vor Beginn der Blütezeit der Stadt um 2600 v. Chr.

Mehrere Keramikscherben weisen Zeichen auf, die darauf hindeuten, dass die Menschen hier viel früher Symbole aufgezeichnet haben, als die Archäologen bisher dachten - nämlich schon ungefähr zu der Zeit, als die Mesopotamier ein System entwickelten, das man allgemein für die erste Schrift der Welt hält. Viele Zeugnisse der Harappaner wurden in den fünfziger Jahren des 19 Jahrhunderts zerstört. Damals benötigten britische Eisenbahnbauer Material für eine neue Trasse. Sie schickten Arbeiter in die Ruinen, um Ziegel herauszuklauben und wegzukarren.

Trotz aller Zerstörungen finden sich in Harappa noch immer Objekte, die unser Wissen über das Leben der Menschen erheblich erweitern. Die interessantesten Artefakte sind die briefmarkengroßen Siegel, gewöhnlich aus Stein, in die Schriftzeichen und Figuren - vielleicht Darstellungen von Gottheiten - eingeritzt sind. Andere Siegel zeigen Tiere wie das Buckelrind, das noch heute auf dem indischen Subkontinent anzutreffen ist. Weitere Funde belegen, dass Harappa eine Stadt der Handwerker und Händler war. Von Bedeutung ist auch, was nicht gefunden wird. So fehlen Überreste großartiger Tempel wie in Mesopotamien und kostbare Grabmäler wie bei den ägyptischen Pharaonen. Mit anderen Worten: Es gibt keine Hinweise auf ein prunkvolles Königtum oder eine Theokratie. Meadow sagt: "In Harappa haben wir es eher mit einer ausgeprägten Mittelschichtsgesellschaft zu tun."

Inspiriert von der Induszivilisation, verbindet das Projekt "Amjad's Village" nahe Harappa alte Kultur mit neuer Technik. Der Anstoß dazu kam aus Berlin. Lesen Sie in der Juni-Ausgabe 2000 von NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND den Beitrag "Dorf der Hoffnung" von Hans-Joachim Löwer.


(NG, Heft 6 / 2000)
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