Die Yankees von Neuengland nennen das Phänomen "die Farbe".
"Die Farbe war aber im letzten Oktober besser", sagen sie, oder: "...wahrscheinlich hat die kurze Dürreperiode die Farbe verdorben." Jeden Herbst entfalten Ahorn und Birke ihre leuchtende Pracht. Tage später ist "die Farbe" wieder verschwunden.
Vielleicht war es dieser flüchtige Charakter, der die Menschen schon in grauer Vorzeit Mittel und Wege ersinnen ließ, ihrer habhaft zu werden. Sie beobachten, wie die Feuer ihre Höhlendecken schwärzten, und tünchten ihre Wände mit rotem und gelbem Ocker. Sie experimentierten mit Muscheln, Insekten, Blumen und Baumrinde. Nach dem Vorbild der Tiere bemalten sie ihre Körper, um Angriffslust zu signalisieren oder sich bei drohender Gefahr zu tarnen. Farbquellen werden eifersüchtig gehütet.
Es gab Zeiten, in denen Pigmente von Purpur, Safran und Ultramarin ihr Gewicht in Gold wert waren. Antike Städte gründeten ihren Reichtum unter anderem auf einen purpurnen Farbstoff von Mollusken.
In der Kunst der Renaissance war das aus Lapislazuli gewonnene kostbare Ultramarin fast ausschließlich der Kolorierung von Mariengewändern vorbehalten. Im 19. Jahrhundert entwickelte ein englischer Chemiestudent erstmals einen synthetischen Farbstoff. Mit einem Mal wurde die Welt viel bunter.
1907 bedeckten die Brüder Lumière in Paris eine Filmplatte mit winzigen Körnern aus gefärbter Kartoffelstärke. Die große Zeit der Farbfotografie konnte beginnen. Ein primitives Farbfernsehgerät, 1928 in London vorgeführt, ließ das bunte Flimmern in heutigen Wohnzimmern erahnen. Seit Wissenschaftler die psychologische Wirkungskraft von Farben entdeckt haben, manipulieren Marktstrategen die Verbraucher mit den neuesten Farbkreationen. Und heute mischen sogar Computer in der Farbpalette der Natur mit.
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