Die Tempel von Angkor

Artikel vom 01.08.2000  —  Autor: Douglas Preston

Nach Banteay Chhmar kommen keine Ausländer mehr, und das aus gutem Grund. Der uralte Tempel steht im gesetzlosen Niemandsland an der Nordgrenze Kambodschas, versteckt in malariaverseuchtem Dschungel. Das Gebiet ist mit Landminen übersät und wird von Banditenbanden unsicher gemacht. Die Straßen sind kaum passierbar. Kurzum, Banteay Chhmar ist ein Abenteuer. Ich bin hier, um eine der rätselhaftesten Zivilisationen der Welt zu erkunden: das Reich der Khmer, dessen Zentrum in Angkor lag und das vom 9. bis ins 15. Jahrhundert seine Glanzzeit erlebte. Ich will sehen, wie seine herrlichen Tempel und Monumente drei Jahrzehnte Krieg, Bürgerkrieg und Hungersnot überstanden haben.

In seiner Blütezeit im 12. Jahrhundert umfasste das Khmer-Reich große Teile Südostasiens, vom heutigen Thailand bis Vietnam. Seine Handelsverbindungen reichten bis China . Und dennoch ist nur wenig über das mächtige Imperium überliefert. Seine umfangreichen Bibliotheken , die Schriften auf Palmblättern oder Tierhäuten besaßen, sind vor vielen Jahrhunderten spurlos verschwunden. Erhalten haben sich nur rätselhafte Steininschriften. Die gewaltigen, aus Holz erbauten Städten sind so verrottet, dass wir heute nur eine vage Ahnung haben, wo sie sich einst befanden.

Die Tempel wurden durch fremde Mächte und einheimische Banditen geplündert. Dennoch überlebten sie die tödliche Umarmung durch Zeit und Dschungel. Angkor Wat, das größte und berühmteste Heiligtum, wurde ein buddhistisches Kloster. Seitdem bemühen sich Mönche, die üppige Vegetation fern- und die Anlage in bescheidenem Maße in Stand zu halten. Mehr als tausend Tempel des Khmer-Reichs sind über Südostasien verstreut.

Der Tempel Banteay Chhmar ist eine der faszinierendsten und am wenigsten bekannten Stätten. Mit einem Fahrer und dem Dolmetscher Yeang Sokhon reise ich auf der Straße Nummer 6, der Hauptverkehrsader und Hauptschmuggelroute für Antiquitäten, durch Kambodscha. Viele Brücken sind gesprengt, wir fahren auf wackeligen Holzplanken über die Trümmer. Große Abschnitte stehen unter Wasser, und auf den trockenen Strecken klaffen Krater, in die unser Jeep zweimal hineinpasst. Als wir nach acht Stunden Banteay Chhmar erreichen, habe ich Blasen an den Händen, weil ich mich ständig an den Haltegriffen über meinem Sitz festklammern musste.

Wir stoßen auf einen breiten, frisch gehauenen Pfad, der von Zigarettenkippen und Schokoriegelpapier übersät ist. Wir folgen ihm und treffen auf eine Szene der Verwüstung. Tempelräuber haben einen Abschnitt der Südmauer eingerissen, die ein Flachrelief mit Schlachtenszenen trug.

Herausgebrochene Steine liegen überall herum. Holzige Ranken baumeln in der Luft - sie lassen noch die Formen der Steinblöcke erkennen, die sie einst überzogen. Sokhon hebt eine abgeschnittene Liane auf. "Schaut euch das an", sagt er mit bebender Stimme. "Die Blätter sind noch nicht einmal verwelkt. Das Ganze spielt sich in diesem Moment ab."

Die Plünderung von Banteay Chhmar ist symptomatisch für die Faszination, die das antike Khmer-Reich mit seinen mysteriösen Kunstwerken in der ganzen Welt hat. In den vergangenen 30 Jahren ist der Handelswert von Khmer-Kunst enorm gestiegen. Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt. Ein Bauer, der auf seinem Feld eine alte Skulptur findet, oder ein Soldat, der nachts in einem Tempel eine Plastik von ihrem Sockel reißt, kann mit dem Erlös aus dem Verkauf an einen Schmuggler seine Familie viele Jahre lang ernähren.


(NG, Heft 08 / 2000)
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