Eine Schlange gleitet durch das gesprenkelte Licht im Geäst des Regenwalds. Plötzlich lässt sie sich fallen und stößt sich mit dem Schwanzende in die feuchte Luft ab. Sie spreizt die Rippen, ihr Körper wird flach wie ein Stoffband. Sie scheint durch die Luft zu schwimmen. Für jemanden der Angst vor Schlangen hat, wohl der schlimmste Albtraum. Für mich die Erfüllung eines Wunschtraums.
Seit 13 Jahren bin ich den fliegenden Tieren von Borneo auf der Spur. Es gibt sehr viele, aber so leicht bekommt man sie nicht zu sehen. Die meisten haben eine Tarnfärbung, sind nachtaktiv oder leben versteckt in den Baumkronen. Einige flüchtige Begegnungen mit ihnen waren mir im Laufe der Zeit dennoch vergönnt: etwa mit einem Taguan, einem Gleithörnchen, das in der Abenddämmerung an mir vorbeisauste wie ein aufgespanntes T-Shirt. Mit einem Faltengecko, der in meine Dschungelhöhle gesegelt kam und auf meinem Rücken landete. Mit zwei Schmuckbaumnattern, die ich beim Erklettern eines Baums in 30 Meter Höhe auf einem benachbarten Ast erblickte. Und mit einem Pelzflatterer, einem fernen Verwandten der Flughunde, der vor einem Greifvogel floh.
Diese Tiere können zwar nicht aktiv fliegen wie Vögel oder Fledermäuse. Sie sind aber in der Lage, durch eine Verlagerung des Körperschwerpunkts oder mit Schwanz und Gliedmaßen steuernd auf kontrollierten Flugbahnen weite Strecken durch das labyrinthische Grün zu kurven. Ihr Landepunkt ist allerdings im Gegensatz zu echten Fliegern immer tiefer als ihr Start.
Mehr als 30 Arten von Gleitfliegern leben auf Borneo, während es in den Regenwäldern Amazoniens gar keine und in Afrika nur wenige gibt. Das könnte daran liegen, dass sich die Wälder hier wesentlich von anderen Regenwäldern unterscheiden: In Borneo wachsen vor allem Flügelfruchtbäume (Dipterocarpaceen), eine Familie von Bäumen, die selten und unregelmäßig Früchte tragen.
Das nötigt baumbewohnende Tiere zu einer weiträumigeren Futtersuche als in anderen Wäldern. Per Gleitflug gelangen sie schneller von Baum zu Baum, ohne erst auf den Boden hinunter- und wieder in den Wipfel hinaufklettern zu müssen.
Dabei entwickelten sehr unterschiedliche Tiergattungen ganz verschiedene Gleitmethoden, seien es die mit Häuten verbundenen Zehen der Flugfrösche oder die zwischen Vorder- und Hinterbeinen gespannten Capes der Pelzflatterer.
Mein Blitzlicht lässt die Augen eines männlichen Pelzflatterers rot aufglühen. Sein Blick wirkt auf mich wie ein Alarmzeichen. Es macht mir bewusst, dass Pelzflatterern und den anderen Gleitfliegern Borneos der Raum zum Jagen und zum Landen bald knapp wird, wenn wir nicht mehr für die Erhaltung der Regenwälder tun.
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