Eisbären - Bärenstark ins neue Leben

Artikel vom 01.12.2000  —  Autor: Norbert Rosing

Drei Monate alt sind die jungen Eisbären, wenn im Frühjahr die Eisbärmütter im Wapusk National Park in Manitoba mit ihnen zum ersten Mal die Höhle verlassen, in der sie geboren wurden. Acht Monate lang hat die Bärin nun gefastet, doch das hält ihren Nachwuchs nicht davon ab, energisch nach Milch zu verlangen. Bei Drillingen erkämpft sich das hartnäckigste Junge oft eine Extraportion. Das kleinste dieses Wurfs ist schwach, denn es hat schon bei vielen Mahlzeiten den Kürzeren gezogen.

Seit nunmehr elf Jahren fotografiere ich Eisbären - aber nur einmal habe ich gesehen, dass der schwächste Drilling bis zum Herbst überlebt hat. Meistens werden Zwillinge geboren, die leichter satt zu bekommen sind. Die dösende Mutter lässt sich durch ihr Junges, das sich als "Bärsteiger" versucht, nicht aus der Ruhe bringen. Das Junge hat bisher weder genug Fett noch Fell, um den Elementen zu trotzen. Verlöre es in dieser Zeit die Mutter, würde es wahrscheinlich schnell verhungern oder erfrieren. Der Versuch, den "Mutterberg" zu erklimmen, kräftigt den kleinen Bären, aber es wird noch mehr als zwei Jahre dauern, bis er ein fähiger Jäger geworden ist, der sich selbständig versorgen kann. Das Tageslager dient gleichzeitig als Erziehungs- und Spielstätte.

Die Familienszene ist wie immer vaterlos. Die nomadisierenden Bärenmänner spielen bei der Aufzucht der Jungen keine Rolle. Weil sie sogar ihrem eigenen Nachwuchs gegenüber ausgesprochen aggressiv werden können, werden sie von Bärinnen gemieden, bis die Jungen ihre eigenen Wege gehen. Für die jungen Bären ist die Welt noch ein einziger großer Spielplatz. Sorglos tollen sie zwischen den Beinen ihrer Mutter umher. An einem kälteren Tag dient sie ihnen als lebende Heizung.

Leider steht im Reich der Bären nicht alles zum Besten. Zwar werden durch Nationalparkgrenzen und Jagdquoten kaum noch Bären geschossen, aber es drohen neue Gefahren. Chemische Schadstoffe belasten ihre Nahrung. Bergbau und Ölbohrungen schränken ihren Lebensraum ein.

Für mich freilich zählt im Moment nur eines: dass ich miterleben kann, wie die Bärin ihre Jungen vor dem arktischen Wind und den anderen Gefahren des Lebens auf dem Eis beschützt - und dass ich hier einen neuen Einblick in ihre Welt bekommen habe.


(NG, Heft 12 / 2000)
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