Fjordland

Artikel vom 01.12.2000  —  Autor: Kennedy Warne

Reif, Nebel, Regen - die vielfältigen Formen des Wassers prägen diese Region. Gewitterwolken drücken mächtig auf die Darran Mountains. Düster und neblig erhebt sich der Wald im Hollyford Valley. Buchenblätter wirbeln wie rotes und goldenes Konfetti aus den Baumkronen herab. Von jedem Zweig baumeln Moosflechten, an denen Regentropfen wie Perlen aufgereiht sind. Ich bin auf dem Pfad zum Lake Marian, einem der vielen hundert Gewässer des Fjordland-Nationalparks im Süden Neuseelands.

Unter der Kapuze meiner Regenjacke fühle ich mich wie ein Mönch auf dem Weg zum Abendgebet in einer lebenden Kathedrale. Ein Fuchsienbaum am Wegrand - ein Verwandter unserer eingetopften Zierfuchsie - lässt seine leuchtend blau-roten Blüten fallen. Farnwedel strecken mir ihre zusammengerollten Spitzen wie kleine geballte Fäuste entgegen. Die Maori essen die jungen Farnspitzen - gedämpft, als Gemüse. Ich stecke eine in den Mund. Sie schmeckt nicht unangenehm, leicht pfeffrig.

Der Pfad schlängelt sich um Bäume herum, taucht unter umgestürzte Stämme, überquert Bäche. Manchmal ist das Bachbett selber der Pfad, manchmal ein Baumstamm, in den Stufen gesägt sind. Oder einige stämmige Baumfarne, die einen Sumpf überbrücken. Ein Großteil der insgesamt 500 Kilometer langen Wege durch Fjordland ist wie dieser Pfad: weich unter den Füßen und Teil der Natur. Moose bedecken Steine und Baumwurzeln wie grüne Kissen, Wasserläufe glänzen in der Sonne wie flüssige Smaragde.

Neuseeland besteht, vereinfacht, aus zwei großen Inseln. In der Mythologie der Maori ist die Südinsel ein Kanu, von dem aus ein mächtiger Urahn namens Maui die fischförmige Nordinsel aus dem Meer zog.

Auch Wissenschaftler verwenden ein nautisches Bild, um die Geschichte dieser Insel zu beschreiben: eine geologische Reise durch den Pazifischen Ozean, die bisher 80 Millionen Jahre dauert.

Fjordlands Landschaften - im Süden der Südinsel gelegen - wurden von Verwerfungen zerrissen, von Erdbeben geschüttelt und war zeitweilig von zwei Kilometer dicken Eisklappen bedeckt. Aber diese geologischen Wirren brachten auch eine einzigartige Natur hervor, eine Welt von Pflanzen und Tieren, von denen einige hundert Arten nur hier - innerhalb der Grenzen des heutigen Parks - und sonst nirgends auf der Erde leben.


(NG, Heft 12 / 2000)
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus