Jemen - Land der Legenden

Artikel vom 01.04.2000  —  Autor: Andrew Cockburn

"Ein schwieriger Fall", erklärt der gut aussehende 28-jährige Scheich Othman Hussein al-Fayad. "Viel hängt davon ab, ob ihm das Geld tatsächlich zustand. Als Baschir kam, um die Summe einzutreiben, feuerte die Familie des Schuldners in die Luft, um den Gläubiger zu vertreiben. Baschir schoss zurück und tötete einen Mann. Und nun fordern die anderen die Todesstrafe."

Der Rektor der örtlichen Schule, der auch das Amt des Schreibers bekleidet, kniet zu Füßen des Scheichs, um dessen Überlegungen zu Papier zu bringen. Othman vertraut ihm an, dass er den Mörder noch ungefähr ein Jahr im Gefängnis lassen will, bis die Familie des Opfers sich beruhigt hat und ihr Rachedurst einigermaßen gestillt ist. "Dann kann ich einen Vertrag über das Blutgeld aushandeln, Baschir kommt frei, und alle sind zufrieden."
"Angenommen", frage ich, "die Regierung pocht auf die Einhaltung der Gesetze und die Verurteilung des Mannes wegen Mordes?"

Der Onkel, der Schwiegervater und der Chef der Leibwache des Scheichs sehen mich verblüfft an. "Aber er steht doch unter dem Schutz des Scheichs! Wenn sie das versuchte, wäre das eine Beleidigung. Dann würde der ganze Stamm gegen die Regierung vorgehen." In anderen Staaten des Nahen Ostens setzt ein mächtiger Polizeiapparat die Autorität der Zentralregierung und der herrschenden Familien rigoros durch. In Jemen mit seinen 17 Millionen Menschen, 50 Millionen Gewehren und einem sehr ausgeprägten Unabhängigkeitsbewusstsein laufen die Dinge anders.

Am äußersten Zipfel der Arabischen Halbinsel versteckt, im Süden von Saudi-Arabien und im Westen Oman, ist der Jemen weitgehend der Aufmerksamkeit fremder Mächte entgangen - im Gegensatz zu den anderen Staaten der Region, die über größere Ölvorräte verfügen oder in regionale Konflikte verwickelt waren. Die Republik Jemen ist ein noch sehr junges Land. Sie entstand erst 1990, als sich die Arabische Republik Jemen mit der Demokratischen Volksrepublik, dem einzigen kommunistischen Staat der arabischen Welt, vereinte.

Andererseits: "Der Jemen ist wie Europa im 16. Jahrhundert", sagt der niederländische Botschafter, während er mir eine Dose Grolsch-Bier anbietet, eine willkommene Abwechslung in diesem alkoholfreien muslimischen Land, in dem dafür angeblich bis zu 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Qat kauen und auf dem Wochenmarkt von Sada Handgranaten zum Schnäppchenpreis von 3,20 Dollar pro Stück zu haben sind. Der Botschafter sagt: "Hier gibt es Herzöge und Grafen, Kriege und Blutfehden - und Gespenster."


(NG, Heft 4 / 2000)
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