Leute wie wir

Artikel vom 01.07.2000  —  Autor: Rick Gore  —  Bilder: Kenneth Garrett - Illustrationen: Gregory Manchess

Tief im australischen Busch malt Alice Kelly, eine weißhaarige, alte Frau des Muthimuthi-Volks, mit farbigen Filzstiften kräftige Striche auf einen Bogen Papier. Für mich sind ihre Zeichnungen wenig mehr als Kritzeleien. Doch Alice sagt, dass sie ihre Träume darstellen, eine Vision aus einer Zeit weit vor unseren Erinnerungen, die aber dennoch gegenwärtig sind. Aus einer Zeit, in der die Ahnen unserer Ahnen über eine karge Erde wanderten - eine Zeit voller Geister, heiliger Orte und Tiertotems.

Ich bin hierher in den Mungo-Nationalpark gekommen, um Antworten auf einige Fragen zu finden. Wann entfaltete sich das menschliche Denken? Wann traten wir als Art aus dem unvollständig entwickelten Bewusstseinszustand heraus, den wir früher mit der Tierwelt teilten? Wann wurden wir zu Problemlösern, Kunstschaffenden, Technikerfindern? Die meisten Anthropologen glauben, dass die Menschen diesen Entwicklungsschritt während der letzten Phase der Eiszeit machten, irgendwann in der Zeit vor 130 000 bis 10 000 Jahren. Niemand kann genau sagen, wo und wann sich der geistige Übergang vollzog.

Lange Zeit glaubte man, die Beweise für erstes modernes Verhalten nur in Europa finden zu können. Die frühesten Menschen in unserem heutigen Sinn waren demnach die Cro-Magnon-Menschen, deren etwa 25 000 Jahre alten Reste Archäologen 1868 in jener Höhle in Frankreich entdeckten, nach der sie benannt wurden. Heute sind die meisten Wissenschaftler der Ansicht, dass sich der moderne Mensch in Afrika entwickelte und dass auch die europäischen Cro-Magnons ursprünglich aus Afrika stammen. Das Mungo-Volk hat wahrscheinlich ebenfalls afrikanische Wurzeln, da die neuen Daten nahe legen, dass sich moderne Menschen zunächst in östlicher Richtung ausgebreitet haben, bevor andere ihrer Art in die kälteren Gegenden Europas wanderten.

Vor kurzem legten Christopher Henshilwood von der New York State-Universität in Stony Brook und Judith Sealy von der Universität Kapstadt Objekte in der Blomboshöhle an der Spitze Südafrikas frei, die wahrscheinlich mehr als 70 000 Jahre alt sind.

Henshilwood sagt: "Wir haben mehr als 30 Knochenwerkzeuge gefunden." Archäologen betrachten die Verarbeitung von Knochen als Merkmal modernen menschlichen Verhaltens. Es gibt noch weitere Funde, die belegen, dass am Ende der Eiszeit der Homo sapiens einen gewaltigen Schritt in seiner Evolution machte: Er erfand neue Werkzeuge, suchte mit Ritualen nach dem Sinn des Lebens und wurde zum Künstler. Der Homo sapiens war zum Menschen geworden: zu einem von uns.


(NG, Heft 7 / 2000)
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