Libyen - Ende der Isolation?

Artikel vom 01.11.2000  —  Autor: Andrew Cockburn

Housam, mein Begleiter aus dem Informationsministerium, ist nur die 20 Meter von seinem Hotelzimmer zu meinem gerannt. Und doch ist er schon schweißgebadet. "Kommen Sie schnell", ruft er, "der Führer erwartet Sie in Benghasi. Das Flugzeug steht bereit." Wir hetzen nach unten. Der Mann von der Fahrbereitschaft, der sich genau für diesen Fall bereithalten sollte, ist - wieder einmal - verschwunden. Fluchend rennt Housam mit mir zu seinem eigenen Wagen, dann rasen wir die Straße am Mittelmeerufer der Hauptstadt Tripolis entlang.

Durch ein Tor preschen wir auf einen Flugplatz, auf dem ein Dutzend riesige russische Militärtransporter des Typs Iljuschin 76 stehen. Wir steigen über eine Leiter in den gewaltigen Frachtraum einer dieser Maschinen. Dort warten schon Fuad, Moammar Gadhafis Englisch-Dolmetscher, und ein junger Mann namens Ibrahim mit zwei verschnürten Kisten. "Korrespondenz für den Führer", sagt Fuad und zündet sich eine Zigarette an. So also bekommt Gadhafi seine Post. "Ist Ihnen aufgefallen, wie sie versuchen, das Licht da im Cockpit auszukriegen?", bemerkt Fuad: "Mit diesem Flieger gibt's Probleme." Wenige Augenblicke später erscheint ein nervös wirkender Pilot an der Tür und bestätigt, dass das Flugzeug nicht sicher sei. Wir steigen wieder aus, setzen uns ins Auto und fahren zurück in die Stadt. "Qul tachira fi'chira", sagt Fuad heiter, "manchmal ist es besser zu warten." Eine beliebte libysche Redewendung, die auch mir schon bald geläufig werden sollte.

Jahrzehntelang ist Libyen der Außenwelt weitgehend unbekannt geblieben. Zwanglose Kontakte zwischen Libyern und Ausländern waren nicht ratsam. Gadhafi, der sich 1969 an die Macht geputscht hatte, zwang dem Land nach und nach seine revolutionäre Theorie auf. In den siebziger und achtziger Jahren, als Botschaften schlossen und ausländische Firmen abwanderten, wurde die Zahl der Besucher aus dem Westen immer geringer.

Heute herrscht auf dem Flughafen von Tripolis, der fast ein Jahrzehnt für internationale Flüge gesperrt war, reges Treiben. Die Regierung wirbt um ausländische Investoren, ausländische Geschäftsleute strömen nach Tripolis. Geländewagen mit europäischen Touristen pflügen durch die Dünen der Sahara.

Die Libyer dürfen nun selbstständig Geschäfte treiben, ja sie werden sogar dazu ermuntert. Im Spätsommer dieses Jahres erreichte Gadhafis Kampagne für ein neues Image ihren vorläufigen Höhepunkt: Durch libysche Vermittlung und libysche Millionen gelang es, zwölf westliche Geiseln - darunter die dreiköpfige Familie Wallert aus Göttingen - nach vier Monaten Gefangenschaft aus den Händen der philippinischen Rebellenorganisation Abu Sayyaf zu befreien. Gadhafi, einst der Geächtete, erhielt plötzlich allseits Lob von ausländischen Präsidenten und Ministern.


(NG, Heft 11 / 2000)
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