London dreht auf

Artikel vom 01.06.2000  —  Autor: Simon Worrall

Unser Hubschrauber schwebt wie eine Libelle über dem Trafalgar Square. Doppeldeckerbusse winden sich um eine Ecke des Platzes - wie ein langes rotes Band. Ein weiterer Schwenk des Helikopters, und einige der grossen architektonischen Werke der Vergangenheit liegen zum Greifen nah unter uns: Buckingham Palace, Houses of Parliament, British Museum.

Europas größte Stadt erstreckt sich von hier bis zum Horizont - 46 Kilometer von Norden nach Süden, 58 Kilometer von Ost nach West - wie ein gigantisches Legomodell auf dem Küchentisch. London ist vom Bauwahn gepackt: beflügelt vom Aufbruch ins neue Millennium, der zum Teil mit Mitteln der staatlichen Lotterie finanziert wird.

Zuletzt stand London in den swinging sixties im Mittelpunkt des Interesses. Musik und Mode der Hauptstadt schlugen eine ganze Generation in ihren Bann. Heute ist es wieder soweit. Von Londons Theater- und Musikszene gehen richtungsweise Impulse aus. Auf den restaurierten historischen Gebäuden und Denkmälern schimmert frisches Blattgold, die Parks sind tipptopp gepflegt. Am auffallendsten aber haben sich Londons Menschen verändert. Sie verwandelten ihre Siebenmillionenstadt in die kosmopolitischste der Welt.

"Hier gibt es alles - unterschiedliche Nationalitäten, unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Stilrichtungen und Modeerscheinungen. Alles, was man sein möchte, jedes Leben, das man führen möchte: Hier kann man es finden.", sagt zum Beispiel der schwule Soziologiestudent Carl Gobey. Im Fridge, einem Club vis à vis, tanzen 2000 Angehörige der Generation X zu den Klängen von Basemant Jaxx, einer der heißesten Bands der hiesigen Szene. Viele sind eindeutig high.

Bei einem Spaziergang über die Oxford Street sehe ich Inder und Kolumbianer, Bangladescher und Äthiopier, Pakistani und Russen, Melanesier und Malaysier. 50 Nationalitäten mit einer Bevölkerung von jeweils mehr als 5000 Menschen leben in der Stadt. 300 Sprachen werden gesprochen. Mit 539 ausländischen Geldinstituten ist Londons Bankenviertel, die City, eines der mächtigsten und internationalsten Finanzzentren der Welt: Täglich fließen an die 440 Milliarden Dollar durch seine Fremdwährungsmärkte.

Die Wertschöpfung der Londoner Wirtschaft - 162 Milliarden Dollar - ist größer als die mancher Länder. Die Kehrseite: Je reicher die Stadt wird, desto weiter bleiben die Armen zurück. Mag Grossbritanien geographisch und politisch auch am Rande des Kontinents liegen - London ist wirtschaftlich und kulturell de facto zur Hauptstadt Europas geworden. Zugleich wirkt es europäischer denn je.


(NG, Heft 6 / 2000)
Extras

Reiseführer-Tipp: NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER Großbritannien
Machen Sie sich vor Ort ihr eigenes Bild von Stonehenge und lassen Sie sich vom NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER Großbritannien begleiten. mehr...

Reiseführer-Tipp: NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER London
Erkunden Sie Swinging London mit dem NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER London. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus