Madidi - Droht Boliviens Regenwald der Untergang?

Artikel vom 01.03.2000  —  Autor: Steve Kemper

Ein Jaguar hat in Cargadero eines unserer Pferde gerissen. Ein weiteres ist in Mojos an Schlangengift verendet. Eines unserer Maultiere hat Larven von Dasselfliegen im Leib, ein anderes einen blutverschmierten Hals von den Bissen einer Vampirfledermaus. Wir selber sind vergleichsweise glimpflich davongekommen: leichte Höhenkrankheit in den Anden, kleinere Schürfwunden und Prellungen durch Ausrutscher auf steinigen Pfaden, unzählige Zeckenbisse, Fliegen- und Moskitostiche . Aber die atemberaubende Landschaft rundherum entschädigt uns für die Strapazen - unberührte Wildnis, so weit das Auge reicht, dazu eine ungeheuer vielfältige Vogelwelt.

Einen Monat lang will ich in Begleitung der bolivianischen Umweltschützerin Rosa María Ruiz und des amerikanischen Naturschutzbiologen Charles Munn den neuen Nationalpark Madidi in Bolivien erkunden. Er ist 1,9 Millionen Hektar groß und umfasst verschiedenste Habitate: Gletscher im Westen, Regenwald im Osten, Pampas im Norden sowie Nebel- und Trockenwald im Zentrum. Madidi ist einer der artenreichsten Naturschutzparks von Südamerika. Schätzungsweise 1 000 Vogelarten leben hier - gegenüber nur 700 Arten in den kontinentalen USA und Kanada.

Etliche Täler inmitten des Parks sind unbewohnt und so gut wie unzugänglich. "Wie viele Tier- und Pflanzenarten es in dieser verlassenen Welt gibt, lässt sich nur erahnen", sagt Munn, der für die Umweltschutzorganisation Wildlife Conservation Society arbeitet. "Für Ökotouristen ist der peruanische Manu-Nationalpark das beliebteste Reiseziel im Amazonasgebiet", meint Munn, "aber Madidi könnte ihn um Längen schlagen."

Vorausgesetzt, der Park bleibt vom geplanten Bau des Bala-Staudamms verschont, der große Teile der Region überfluten würde. Derzeit lassen sich die Unterkünfte für Touristen noch an einer Hand abzählen. Die etwa 1 700 Einwohner Madidis leben in weit verstreuten Dörfern, die nur über Trampelpfade oder Flüsse zu erreichen sind. Obwohl die bolivianische Regierung den Nationalpark bereits im September 1995 gegründet hat, ist er selbst unter Wissenschaftlern weitgehend unbekannt.


(NG, Heft 3 / 2000)
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