Messel – Fenster in eine ferne Welt

Artikel vom 01.02.2000  —  Autor: Hillel L. Hoffmann

Europa ist gen Norden gezogen und eine ehemalige Ölschiefergrube nahe der hessischen Kleinstadt Messel zählt zu den ungewöhnlichsten Ausgrabungsstätten der Welt. Zehntausende von Fossilien wurden hier schon geborgen. So auch die Überreste eines Urpferds von der Größe eines Schäferhundes. Es verendete vor 49 Millionen Jahren am Ufer eines urzeitlichen Sees. Messel befand sich damals im Süden. Im heutigem Mittelmeer.

In der Morgendämmerung einer neuen Epoche in der Erdgeschichte — dem Eozän — war Europa eine Insel. Wo sich heute die Schiefergrube erstreckt, lag ein See. 16 Millionen Jahre zuvor hatte ein Massensterben die Dinosaurier und viele tausend andere Arten verschwinden lassen. Die Formenvielfalt der Säugetiere nahm explosionsartig zu.

In Messel können Paläontologen einen Blick auf ein sehr frühes Stadium dieser Neuentwicklungen werfen; die Arten sind noch am Anfang ihrer Evolution. Außerdem sind sie überaus gut erhalten. Beispielsweise ist bei einem Nagetier— als schwacher Abdruck rund um die Knochen — sogar das Fell noch zu erkennen.

Auch der Panzer des Hirschkäfers leuchtet noch heute — nach Jahrmillionen in der Dunkelheit — in metallischem Grün und Blau. In der Grube Messel wurden mehrere hundert Insektenarten gefunden, Ameisen mit einer Flügelspannweite von 15 Zentimetern, aber auch Fliegen von der Größe eines Kommas in diesem Text.

Gefahren drohten dem einzigartigen Fossilienbestand vor allem in der jüngeren Vergangenheit: Es gab Plünderungen und die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. Bevor die Unesco die Schatzgrube 1995 zum Weltnaturerbe erklärte, hatte man sogar versucht, Messel zu einer Müllkippe zu machen. Heute suchen Forscher nach weiteren Fossilien. Außerdem sind sie damit beschäftigt, einen digitalen Katalog der Funde zu erstellen.


(NG, Heft 2 / 2000)
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