Monster aus Madagaskar

Artikel vom 01.08.2000  —  Autor: John Flynn und David Krause

Lemuren, Chamäleons, Affenbrotbäume, aber auch andere Lebewesen, die über Millionen Jahre Evolution isoliert waren, haben mich schon immer fasziniert. Als wir hier eintrafen, hatten wir keine Vorstellung, wie weit zurück in die Vergangenheit wir geführt würden. Vier Jahre lang grub unsere durch die National Geographic Society unterstützte Gruppe - Fachleute aus den Vereinigten Staaten und Madagaskar - im ockerfarbenen Boden der Insel.

Wir entdeckten weiße Knochen aus der Zeit vor 230 Millionen Jahren, als Dinosaurier und Säugetiere zum ersten Mal in der Evolutionsgeschichte auftraten. Die neuen Entdeckungen geben Aufschluss über die Entwicklung von säugetierähnlichen Reptilien zu echten Säugetieren, die viele Millionen Jahre dauerte. Die Funde schließen auch die großen Wissenslücken hinsichtlich der Landwirbeltiere aus allen drei Perioden des Mesozoikums: Trias, Jura und Kreide. Ein fossiler Kieferknochen stammt von einem noch namenlosen Dino - dem vermutlich ältesten jemals gefundene Saurierexemplar. Er ist ein Vorläufer der langhalsigen Sauropoden, zu denen die größten bekannten Dinosaurier gehören.

An einer Grabungsstelle im Süden Madagaskars durchsuchten wir Schichten aus rotbraunem Sediment und Lehm. Das Wühlen im Dreck lohnte sich: Eine dünne Schicht war voller fossiler Knochen, wir mussten sie Zentimeter für Zentimeter abtragen. Das Gestein war von winzigen kleinen Rissen durchzogen und drohte beim Trocknen zu Staub zu zerfallen. Daher tränkten wir manchmal die Fossilien und das umgebene Gestein mit einem stabilisierenden Kleber. Als wir die Fossilien in unserem Labor im Field Museum von Chicago gereinigt hatten, sahen sie sämtlich weiß aus - ähnlich wie die Knochen heutiger Kadaver.

Während der gesamten späten Kreidezeit lebten kleine Krokodile und ihre größeren Vettern auf Madagaskar, das sich vor rund 80 Millionen Jahren vom Superkontinent Gondwana losgelöst hatte. Bisher wurden dort sieben Arten entdeckt, vom 50 Zentimeter langen Araripesuchus bis zum Mahajangasuchus, der vier Meter misst.

Die Knochenfunde sind bizarr: Das Gebiss des stupsnasigen Tiers war eindeutig zum Fressen pflanzlicher Nahrung geschaffen - und die Schnauze sah aus, als sei das Krokodil geradewegs gegen einen Baum gelaufen.

Mehr als 85 Prozent aller Wirbeltierarten, die heute auf Madagaskar an Land und im Süßwasser leben, kommen ausschließlich hier vor - so auch die bekanntesten madagassischen Tiere, die Lemuren. Mit ihnen war es wie mit den Nilkrokodilen: Wir haben keine Art aus der späten Kreidezeit entdeckt, die ein Vorfahre der heutigen Wirbeltiere Madagaskars sein könnte. All diese Urahnen können erst hierher gelangt sein, nachdem die Tierwelt der Kreide ausgestorben war. Aber woher kamen sie? Wann? Und wie?


(NG, Heft 08 / 2000)
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