Sonntagmorgen, 18. Mai 1980, 8.32 Uhr: "Vancouver, Vancouver! Jetzt ist es so weit." Der Funkspruch, der um die Welt ging, sollten David Johnstons letzten Worte sein, bevor die Druckwelle den Wagen und seinen Anhänger samt Ausrüstung vom Bergkamm fegte. Von dem 30jährigen Vulkanexperten selber hat man nie wieder eine Spur gefunden. Mit 500facher Sprengkraft der Hiroshima-Atombombe brach im Mai vor 20 Jahren der Mount St. Helens aus - der aktivste Vulkan im pazifischen Nordwesten der Vereinigten Staaten. Dabei zerstörte der Vulkan sich selbst: Der größte Erdrutsch seit Menschengedenken wurde ausgelöst - 400 Meter büßte der Gipfel an Höhe ein. Heute erobert das Leben die zerstörten Hänge wieder zurück, auf denen sich der Kreislauf von Tod und Erneuerung schon so oft abgespielt hat.
Am deutlichsten zeigt sich dies in einem hügeligen Gebiet im North Fork Toutle River Valley. Die Bodenerhebungen hier bilden ein wahres Labyrinth; sie wurden von der zerstörerischen Gerölllawine abgelagert, die nach dem Einsturz des Kraters und der Nordflanke des Vulkans ins Tal raste. Heute schlängelt sich ein Fußweg durch die gesunde Landschaft. Die Forstbehörde hat beschlossen, die Natur in dieser Gegend sich selbst zu überlassen - zur Freude der Wissenschaftler, denen sich damit eine einmalige Gelegenheit bietet. Denn wie im Zeitraffer lässt sich hier en miniature verfolgen, was in der Frühzeit unseres Planeten geschah. Auf Hunderten von Testflächen beobachten hier die Forscher die Regenerationszyklen.
Die Geschichte vom Ausbruch des Mount St. Helens handelt nicht nur von Bäumen. Sie handelt vor allem von Menschen, von deren Schicksalen. 57 Menschen kamen beim Ausbruch ums Leben, zum Beispiel der 27jährige Fotograf Reid Blackburn, der nach seinem tragischen Tod zur Berühmtheit wurde.
Blackburn war damals gerade im Einsatz für NATIONAL GEOGRAPHIC. Zum Zeitpunkt des Unglückes befand sich Blackburn 13 Kilometer nordwestlich des Kraters. Als die tödliche Wolke aus Gasen und Asche auf ihn zuraste, drückte er noch viermal auf den Auslöser, dann flüchtete er sich in sein Auto. Dennoch gab es für ihn kein Entrinnen. Nach seinem Tod wurde ein Stipendienfonds in seinem Namen gegründet, 18 junge Fotojournalisten konnten seither finanziell unterstützt werden.
Der Geologe Dan Miller, der sich an jenem schicksalhaften Morgen mit seinem Freund Johnston in der Beobachtungsstation verabredet hatte, verdankt sein Leben nur dem Umstand, dass er durch die Reparatur einer Kamera aufgehalten wurde. Heute leitet er das Team des Volcano Disaster Assistance Program (VDAP), einer Art Einsatzgruppe von Vulkanologen. "Durch den Mount St. Helens haben wir viel Neues über explosive Vulkane erfahren", sagt Miller. "Dadurch können wir die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruches mit noch größerer Genauigkeit vorhersagen."
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