Ein Abend in Südnepal. Ram Puti sitzt mit der Familie am Herdfeuer ihres kleinen Holzhauses. Einige Frauen rauchen, zwei Männer flicken Fischernetze. Man debattiert über eine unglückliche arrangierte Ehe. Den Frauen liegt das Thema am Herzen. Denn der Legende nach haben sich die Tharu einst nach einem zurückgewiesenen Heiratsantrag in ihr abgelegenes Siedlungsgebiet zurückgezogen.
Lal Bahadur und ihr Stamm gehören zur Untergruppe der Rana Tharu. Sie ist eine der Dorfältesten und erzählt mir den Mythos: Nachdem im 16. Jahrhundert die Moguln in Indien an die Macht gekommen waren, kam es zwischen den Radschputen, einer Hochkaste Radschastans, und einem muslimischen König zum Konflikt, als er ein Radschputenmädchen heiraten wollte. Frauen und Kinder des Stammes flohen gen Osten, die Männer stellten sich dem Kampf. Die Tharu - so wurden die Flüchtlinge später genannt - ließen sich in einem dicht bewaldeten Gebiet, dem Terai, nieder. Der Landstrich erstreckt sich über 885 Kilometer am Fuß des Himalaja und ist heute nepalisch-indisches Grenzgebiet. Als die Frauen die Nachricht erhielten, dass ihre Männer alle im Kampf gefallen waren, heirateten sie nach und nach die Sklaven , die sie mit in den Terai genommen hatten.
Die Einwanderer lebten isoliert von der Außenwelt. Zu ihrem Schutz wurden - Ironie des Schicksals - ausgerechnet Malaria übertragende Moskitos, die fremde Siedler fernhielten. Die Tharu waren zwar nicht völlig immun gegen diese Krankheit, aber sie entwickelten beträchtliche Abwehrkräfte. Sie bestellten Felder und fischten in den reißenden Flüssen, und zum Hausbau verwendeten sie das, was sie in den Wäldern fanden.
Was von der Außenwelt zu den Tharu gelangt, ist manchmal gefährlich für sie - auch wenn es sich Fortschritt nennt. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde zwar die Malaria im Terai mit DDT ausgerottet, aber damit fiel auch der Schutz vor Eindringlingen. Viele Tharu kauften die Waren der Fremden auf Kredit und unterschrieben Verträge, die sie nicht lesen konnten. Überschuldet waren sie am Ende gezwungen, das eigene Land zu pachten. Expansive Rodung und schlechte Waldbewirtschaftung bedrohen heute ihre Zukunft.
Die Tharu fühlen sich nicht bedrängt in ihrer Welt, sie bangen auch nicht um den schwindenden Wald, der sie von ihrer Außenwelt abschirmt. Wird er eines Tages völlig zerstört - und die Wahrscheinlichkeit ist groß -, geht auch die Kultur seiner Bewohner unter. Ein unschätzbares Gut wäre verloren.
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