Peking - Das neue Antlitz der alten Hauptstadt

Artikel vom 01.03.2000  —  Autor: Todd Carrel

Peking, Hauptbahnhof. Zwei Frauen mit weißen Strohhüten kommen kichernd aus der Halle. Arm in Arm schlendern sie hinüber zu einem Einkaufszentrum, an dessen Eingang zwei Werbesäulen stehen.

Auf der einen ist zu lesen "Vorwärts beim Aufbau des Sozialismus mit chinesischer Prägung!" Auf der anderen wirbt eine Bank für ihre Kreditkarte: "Nachfahren des Drachen benutzen die Drachen-Karte." Beide Slogans wetteifern miteinander um einen möglichst hohen Marktanteil in den Köpfen der Pekinger Bevölkerung. An solchen kleinen Details zeigt sich, dass Chinas Hauptstadt in einem grundlegenden Wandel begriffen ist.

Die überlieferten konfuzianischen Ideale von individueller Kultiviertheit und Wertschätzung der Familie kollidieren mit den Gesetzen des Marktes. Die Bürokratie, geschaffen, um die Menschen in Schach zu halten, wird verdrängt von einer alles entwurzelenden Mobilität.

Das alte, gedrungene Stadtprofil Pekings weicht einer Skyline hoch aufragender Wolkenkratzer aus Glas und Stahl. Dichter Autoverkehr verstopft die Straßen, übertönt das Läuten der Fahrradklingeln und verpestet die Luft mit einem Giftgemisch aus Staub und Abgasen. Arbeitslosigkeit und krasse Unterbeschäftigung schaffen eine Atmosphäre sozialer Unsicherheit, und Tausende gehen auf die Straße, um gegen die Korruption zu demonstrieren.

Fast jeder vierte Pekinger hat keinen gemeldeten Wohnsitz. Dagegen verfügt inzwischen fast ein Prozent der Pekinger Haushalte über einen Internet-Zugang, und man erwartet, dass die Zahl der jährlich verkauften Computer schon bald eine neue Rekordmarke von zehn Millionen Stück erreichen wird. China öffnet sich mehr und mehr dem Ausland. Das gibt Bürgern ein neues Gefühl von Unabhängigkeit.

Diese Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben ermutigt viele Eltern, große Geldsummen in die Ausbildung ihrer Kinder zu investieren. Bereitwillig kaufen sie Computer, engagieren Privatlehrer oder melden ihren Nachwuchs für Fortbildungskurse an. Eine Generation, die unter den Geburtswehen einer neuen Ökonomie gelitten hat, widmet sich nun mit viel Liebe dem Fortkommen ihrer Kinder - in der Hoffnung, dass die eines Tages die Chance erhalten, ihrer Stadt und ihrem Land den richtigen Weg zu weisen.


(NG 2000)
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