Pilze

Artikel vom 01.08.2000  —  Autor: Darlyne A. Murawski

Pilze schaffen Leben. Aber sie töten auch. Der eine Pilz macht Traubensaft zu Wein, ein anderer dörrt die Beeren am Reebstock. Manche Pilze lassen Teig zu einem duftenden Brot aufgehen. Andere durchziehen das Brot bald mit giftigem Schimmel. Einige Pilze verursachen Krankheiten, andere heilen. Pilze zersetzen Biomasse, und sie erleichtern es den Pflanzen, Nährstoffe aufzunehmen. Einige lassen Feinschmeckern das Wasser im Munde zusammenlaufen. Von anderen genügen wenige Bissen, um einen Menschen zu töten. Pilze sind Lebewesen voller Gegensätze - und oft übersehene Schönheiten.

Pilze bilden im System des Lebens ein eigenes Reich. Mykologen - Pilzforscher - vermuten heute, dass es auf der Erde etwa 1,5 Millionen Arten von Pilzen gibt. Erst ein Bruchteil von ihnen ist wissenschaftlich beschrieben. Sie sind weder der Gattung der Pflanzen noch der der Tiere eindeutig zuzuordnen. Die Palette reicht von mikroskopisch kleinen Pilzen bis zu Superorganismen, deren Ausläufer 15 Hektar Boden durchwuchern. Pilze sind - im Unterschied zu Pflanzen - nicht in der Lage, sich aus Licht, Wasser und Mineralien selber ihre Nährstoffe zu beschaffen. Ähnlich wie Tiere ernähren sie sich von anderen Organismen. Ganz wie Pflanzen allerdings überlassen viele Pilze das Schicksal ihrer Nachkommen dem Wind.

Das Reich der Pilze ist voller Überraschungen. Am bekanntesten sind noch die Arten, bei denen die Stile und Schirme ihrer Fruchtkörper aus dem Boden oder dem Holz morscher Bäume wachsen. Die meisten Pilzarten wachsen jedoch verborgen in der Erde. Dort spielen sie eine unersetzliche ökologische Rolle im biologischen Kreislauf: Sie zersetzen tote Pflanzen und Tiere in deren molekulare Bestandteile. Ohne diese Arbeit der Pilze würde die Welt in Leichen ersticken.

Pilze haben auch gesellschaftliche Auswirkungen: Im Mittelalter wurden zum Beispiel Frauen, die durch den Genuss halluzinogener Pilze Visionen hatten, als Hexen verbrannt. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ ein Pilz in Irland drei Kartoffelernten verfaulen. Eine Million Menschen verhungerten damals, mehr als eine Million wanderten aus.

Viele Pilze sind Parasiten, die von anderen Lebewesen zehren. So verursachen Rost- und Brandpilze jedes Jahr weltweit Ernteschäden in Millionenhöhe. Der Getreidebrandpilz Ustilago maydis hingegen gilt in Mexico als Delikatesse und wird zunehmend auch in den USA als "Mexikanische Trüffel" verkauft. Auch gibt es räuberische Pilze. Sie überwältigen ihre Beute nicht mit Gewalt, sondern schleichend. Zu diesem Zwecke, landet die Spore des Cordiceps-Pilzes auf den Chitinpanzern von Ameisen. Der Pilz dringt in den Körper des Tieres ein. Er keimt und wächst, indem er sich von den Organen des Tieres ernährt.

Einige Pilze pflegen zudem auch symbiotische Verbindungen einzugehen. So unterstützen sie bei fast allen Pflanzen die Wasseraufnahme, oft stellen sie auch die von der Pflanze benötigten Mineralstoffe zur Verfügung. Dem Menschen liefern Pilze Medikamente wie das Penizilin - und nicht zuletzt schmackhafte Mahlzeiten. Vermutlich hält das bisher weitgehend unerforschte Reich der Pilze noch jede Menge Überraschungen für die Wissenschaft bereit.


(NG, Heft 08 / 2000)
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