Tief im Regenwald von Surinam strömt der Fluss Sipaliwini braun und träge durch das Indianerdorf Kwamalasamutu. Ein Schamane prüft seinen Lehrling: Er sieht zu, wie der Nachwuchsheiler die Waldpflanzen, die er am Morgen gesammelt hat, auf dem unebenen Bretterboden der Hütte ausbreitet.
Der Schüler, ein Tirió-Indianer, hebt die Pflanzenteile hoch und deutet damit auf verschiedene Körperstellen, um zu zeigen, welche Pflanze gegen welche Krankheit hilft. Mit murmelnder Stimme, leise wie der Fluss, erklärt er dem Lehrmeister, dass eine zur Ingwerfamilie gehörende Pflanze, die bei den Tirió ko-noy-uh heißt, gegen Erkältungen und Halsschmerzen wirkt. Der Schamane freut sich über die Fortschritte seines Schülers. Dass man Szenen wie diese fast überall im Regenwald von Surinam erleben kann, ist zum großen Teil den Anstrengungen von Conservation International (CI) zu verdanken. Diese Naturschutzorganisation setzt sich dafür ein, zusammen mit den einheimischen Naturvölkern die kulturellen und natürlichen Ressourcen des Landes zu erhalten.
Dazu gehört auch die finanzielle Unterstützung des Schamanenlehrlingsprogramms, bei dem man sich die botanischen Kenntnisse der Ureinwohner zu Nutze macht. Sie sollen gegen Gewinnbeteiligung Forschern in den USA bei der Bestimmung von Pflanzen helfen, die sich zur Herstellung von Arzneimitteln eignen könnten. "Männer wie dieser Schamane sind wie ein Füllhorn voller Wissen", sagt Stan Malone, der Leiter des surinamischen Büros von CI. "Ihre Kenntnisse über die Heilwirkung der Pflanzen sind von unschätzbarem Wert." Mit solchen Programmen beschreitet die südamerikanische Republik Surinam völlig neue Wege. Nachdem das Land 1975 die Unabhängigkeit von den Niederlanden errungen hatte, war es politisch und wirtschaftlich angeschlagen.
Auf eine Militärdiktatur folgte ein Bürgerkrieg, die Niederländer stellten ihre Finanzhilfen ein, die heimische Industrie brach zusammen. 1994 war das Land finanziell so stark angeschlagen, dass die Regierung erwog, 40 Prozent des Waldbestands an asiatische Holzkonzerne zu verkaufen. Doch die Abholzung hätte nicht nur Hunderte von Tier- und Pflanzenarten, sondern auch die Existenz der im Wald lebenden Menschen gefährdet.
Doch als die Naturschützer der Regierung vorrechneten, dass der Holzverkauf kaum Gewinn bringen würde, und gleichzeitig langfristig wirtschaftlichere Alternativen aufzeigten, erklärte der Staat sich bereit, die Verhandlungen mit den Holzkonzernen einzustellen. 1998 kündeten Vertreter von Regierung und CI dann an, das Naturschutzgebiet Zentralsurinam einzurichten, eine Fläche, die zehn Prozent des Landes umfasst. Nachdem sich sich die Alumiumindustrie in den letzten Jahren etwas erholt hat, können es sich die Surinamer heute leisten, über andere Nutzungsmöglichkeiten für den Regenwald nachzudenken. Die Suche nach neuen Arzneimitteln ist eine Alternative, eine andere der Ökotourismus, der sich in Ländern wie Costa Rica bereits zu einer gewinnträchtigen Wachstumsbranche entwickelt hat.
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