Wann es war, weiß niemand mehr so recht. Aber irgendwann in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geschah etwas Bemerkenswertes in Sydney: Die Stadt entdeckte ihren Hafen. "Wir betrachteten das Wasser hauptsächlich als Hindernis, das man überqueren musste, um von einer Seite der Stadt zur anderen zu gelangen", erinnert sich Deirde Macken, eine Journalistin aus Sydney, an ihre Kindheit in den sechziger Jahren. "Manche segelten darauf, und es gab ein paar kleine Strände, aber man ging nicht zum Vergnügen hin. Der Hafen war einfach da."
Dann entdeckte Sydney innerhalb kürzester Zeit eine Menge anderer Dinge, die ebenfalls einfach da waren: große Parks; Wohnviertel, in denen man sich wohl fühlte; kilometerweite Strände; eine kulturell vielschichtige Bevölkerung, die eine aufregende Möglichkeit bot, Weltoffenheit zu lernen und zu leben. Sydney sonnt sich im Glanz eines neuen Selbstvertrauens. Die Stadt verfügt über ein beneidenswertes Klima, hervorragende Restaurants, ein großes kulturelles Engagement, eine florierende Wirtschaft - und neuerdings die prickelnde Vorfreude auf die Olympischen Spiele im September. "Es ist recht aufschlussreich, dass die Sommerolympiade 1956 in Melbourne stattfand, im Jahr 2000 aber an Sydney vergeben wurde", sagt Roger Johnstone, Deirdres Mann. Wir sitzen zu dritt beim Essen in einem teuren asiatisch-australischen Restaurant namens Wockpool. Es liegt am Hafen, und die Chefköchin trägt den multikulturellen Namen Kylie Kwong - passend zur modernen australischen Geschichte. "Niemandem wäre es eingefallen, Sydney den Zuschlag für die Spiele 1956 zu geben", fährt Roger fort. "Nach fünf Uhr nachmittags war hier nichts mehr los. Es gab keine Theater, kein Nachtleben. Die Kneipen schlossen um sechs. Gutes Essen war fast nirgends zu bekommen. Und jetzt?" Er strahlt. "Es hat sich alles sehr verändert."
Heute kommen jährlich 15 Millionen Menschen nach Darling Habour. Zum Einkaufen, Essen, Bummeln, um das Aquarium oder das Meeresmuseum zu besuchen oder was der Ort sonst an Freizeiteinrichtungen bietet.
An der östlichen Seite des Hafens entstand Cockle Bay Wharf, ein Komplex schicker Bars und Restaurants, der Sydneys lebhafte Restaurantszene um weitere 3100 Plätze vergrößert hat. Auf den Terrassen sitzen vor allem braun gebrannte, offensichtlich erfolgreiche junge Leute, trinken hoch geschätzte australische Weine und genießen die Ergebnisse internationaler Kochkunst.
Später umrunden wir mit einer Fähre die Landspitze Cremorne Point, haben den offenen Hafen vor uns und einen einzigartigen Ausblick. Etwa einen Kilometer entfernt schimmert das Opernhaus von Sydney im Sonnenlicht und wirkt so elegant wie ein Klipper unter vollen Segeln. Michael Lynch, der Direktor des Opernhauses, sagt über das Aufsehen erregende Gebäude: "Wahrscheinlich hat nie zuvor ein einziges Gebäude mehr dazu beigetragen, das Selbstbild einer Stadt zu verändern." Es gibt eine Veranstaltung, die bisher nirgends mit einem Opernhaus in Verbindung gebracht worden ist.
Lynch und seine Kollegen sind darauf besonders stolz: "Wir sind der Schauplatz des Eröffnungswettkampfs der Olympischen Spiele - des Triathlon", sagt Lynch. "Die ganze Welt wird dann auf Sydney blicken, daher ist die Stadt so begeistert, aber auch ein bisschen nervös. Das ist mit Sicherheit das größte Ereignis, das hier jemals stattgefunden hat." Ich frage Oberbürgermeister Frank Sator, wie er sich den Aufstieg der Stadt erklärt. "Da kommt viel zusammen", sagt er, "ich glaube, dass es sich hier um eine Stadt handelt, deren Zeit gekommen ist."
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