Tibet begrüßt das neue Jahr

Artikel vom 01.01.2000  —  Autor: Ian Baker  —  Bilder: Maria Stenzel

"Das letzte Jahr war schwierig", sagte Gyaltsen, ein tibetanischer Händler. "Es war das Jahr des Tigers, und sein Schwanzende konnte selbst die am sorgfältigsten ausgedachten Pläne beiseite fegen." Er fuhr mit der Hand durch die Luft, als sei sie der Schwanz einer grossen Wildkatze.

Wir stiegen mit Hunderten anderer Pilgern den steilen Hang des in der Nähe von Lhasa gelegenen pyramidenförmigen Bumpari - des "Vasenberges" - hinauf, um Gebetsfahnen flattern zu lassen und den Geistern von Erde und Himmel duftende Kräuter darzubringen. Obwohl ich seit Jahren unter Tibetern in Nepal lebe, hatte ich nie das tibetische Neujahrsfest in ihrer Heimat miterlebt und war begeistert von all dem bunten Trubel.

Lhasa - wörtlich "Land der Götter" - leidet seit 50 Jahren unter der Gewaltherrschaft des kommunistischen China . Doch heute scheint es ein Ort zu sein, an dem der menschliche Geist obsiegt hat.

Drei Tage lang zündeten Tibeter aller Altersstufen und Herkunft Lampen an und beteten an Schreinen und in Klöstern, feierten ausgelassen mit Freunden und Verwandten und tranken große Menge frisch gebrautes chang, ein berauschendes Getränk aus fermentierter Gerste. Von den Dächern der Stadt stieg der reinigende Rauch von Wachholder, Beifuß und anderen duftenden Kräutern in den Winterhimmel, als Gabe an die buddhistischen Gottheiten .

Bei ungünstigen Planetenkonstellationen streichen die Tibeter ganze Monate aus dem Kalender oder fügen zusätzliche hinzu. Dann kann sich das Neujahrsfest, losar genannt, im westlichen Kalender bis zu einem Monat verschieben.

Die Tibeter glauben, dass sich die guten wie die bösen Taten, die während des losar geschehen, in besonderer Weise auf das kommende Jahr auswirken. Zum losar lässt sich das Karma positiv wie negativ außergewöhnlich stark beieinflussen. Das Feiern religiöser und weltlicher Rituale, so hoffen die Tibeter, werde ihr Schicksal verbessern.


(NG, Heft 1 / 2000)
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