Türkei - Der Zorn der Götter

Artikel vom 01.07.2000  —  Autor: Rick Gore

Das Leid war mir von den Schutthaufen entlang des Marmarameers bis in die öde und felsige Landschaft im Osten der Türkei gefolgt. Gemis olsun - möge es vorüber sein. So oft habe ich diese Worte zu Überlebenden der mörderischen Erdbeben in der Nähe von Istanbul gesagt. Dabei weiß ich: Es wird niemals vorüber sein.

Nirgendwo sonst auf der Welt haben Zivilisationen und Natur beständiger miteinander gerungen als in diesem Teil der Welt - zwischen dem äußersten Zipfel der östlichen Türkei und der Westspitze Griechenlands.
Die Menschen hier haben schon vor langer Zeit übernatürliche Kräfte für die Veränderungen der Erde verantwortlich gemacht. Als im Jahr 464 v. Chr. ein Erdbeben Sparta zerstörte, beschuldigten die Griechen den Erderschütterer Poseidon. Und als im letzten Jahr ein Erdbeben Vororte vom Athen verwüstete, erzählte mir ein Priester im Kloster von St. Kyprianos, die Katastrophe sei eine göttliche Warnung: "Sie wurde geschickt, um uns aus unseren Sünden aufzurütteln."

Rob Reilinger, ein Geophysiker am Massachusetts Institute of Technology, liefert die wissenschaftliche Erklärung: "Wir haben es hier mit einer ausgewachsenen kontinentalen Kollision zu tun. Afrika und Arabien schieben sich nach Norden und stoßen auf Eurasien." Diese Kollision, die sich durch die vergangenen fünf Millionen Jahre zieht, schafft ein komplexes Muster von geologischen Prozessen.

Als die Menschen einst Beweise für die biblische Sintflut suchten, hielten sie an den Hängen des Ararat nach der Arche Noah Ausschau. Heute finden Wissenschaftler, wie z.B. Bob Ballard, immer mehr Belege dafür, dass es vor 7500 Jahren eine verheerende Überflutung des Schwarzmeergebiets gegeben hat. Diese Überschwemmung muss Bewohner des gesamten früheren Küstengebiets aus ihren Dörfern vertrieben haben. Vielleicht, vermuten die Geologen, entsprang diesen Ereignissen sogar die Legende von Noah und der Sintflut.

Ich erinnere mich an die Szenen nach dem Erdbeben vom Izmit und frage mich, warum so viele Menschen sterben mussten. Ich denke an die Stadt Adapazari in der Nähe des Epizentrums. Drei Monate nachdem ein Großteil der Gebäude eingestürzt war, wuchsen neue Gebäude bereits wieder in die Höhe. Obwohl viele Bewohner in Zelten lebten, pulsierte in den schlammigen Straßen das Leben. Ein Aufkleber am Rückfenster eines Autos verkündet: "Ich liebe mein Adapazari und werde es nicht verlassen."

Mir kommt der Gedanke, dass die Menschen letztlich doch nicht so machtlos sind. Wir besitzen die Schlauheit eines Odysseus, die Sensibilität eines Homer, auch die Eitelkeit eines Antiochus. Die Kräfte der Phantasie und der Liebe verleihen uns die Fähigkeit, über unsere Tragödien zu weinen - aber vor allem, uns einen neuen Anfang vorzustellen.


(NG, Heft 07 / 2000)
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