Vulkane - Das Tor zur Hölle

Artikel vom 01.11.2000  —  Autor: Donovan Webster

Der Gipfel des Vulkans ist eine Zone des Todes. Eine Schlackenebene, ein brodelnder Kessel voller giftiger Wolken aus Chlor- und Schwefelgasverbindungen, die Luft geschwängert von abregnender Vulkanasche: Hier kann nichts lange überleben. Auf dem Rand dieses Aschenbeckens münden die beiden tätigen Vulkanschlote Marum und Benbow - eine stetige Drohung, das Eiland in die Hölle auf Erden zu verwandeln. Sie lassen den Boden unablässig erbeben und schleudern Brocken von Gesteinsschmelze in die Luft.

Wir sind neun Expeditionsteilnehmer, die über diesen schwarzen Kesselboden stapfen: das Forscherteam, die Fotografen, eine Filmcrew, ein Vulkanologe und ich. Zuvor hatten wir uns durch den dichten Dschungel von Ambrym gekämpft. Eine von rund 80 Inseln der Republik Vanuatu im Südpazifik. Für zwei Wochen haben wir hier unser Forschungslager aufgeschlagen. Es ist wie ein Paradies am Rande des lauernden Verderbens. Kilometerweit sind wir auf dem äußerst schmalem und erodierten Grat balanciert - rechts und links steil abfallende, hunderte von Metern tiefe Schluchten. Bis an den Kratersaum des Benbow. Jetzt liegt sein Glutauge nur wenige hundert Meter unter uns - verborgen unter Gaswolken und einem aus neuem Vulkangestein entstandenen Überhang.

"O. K., du bist dran", brüllt Chris Heinlein gegen das Vulkandröhnen an. Der drahtige, kumpelhafte Ingenieur aus Karlsruhe übergibt mir das Seil, an dem wir uns in das Innere des Vulkans abseilen. Langsam lasse ich mich in den Vulkan hinab. Stechendes Gas beizt mir Nase und Ohren. Die Reaktion des Schwefeldioxids mit dem Nieselregen erzeugt einen so stark schwefelsauren Niederschlag, dass das Metall meiner Brille in wenigen Tagen völlig durchrosten wird. Das ausgestoßene Gas donnert mit Höllenlärm durch den Schacht - startendes Düsentriebwerk und kosmische Gasexplosion zugleich.

Ziel unserer Expedition ist es, den Vulkan und die Lavaseen seiner Zwillingskrater zu erforschen, die zwar unablässig Feuer speien, jedoch nur zeitweise explodieren.

Wenige hundert Meter über der bis zu 1200 Grad erhitzten Lava aus dem Erdinnern beginne ich das Faszinosum zu begreifen: Welch atemberaubende Schönheit! Der ohrenbetäubende Lärm! Der tief orangerote Funkenregen der hochschnellenden Lava! Und dann die dunklen, filigranen Strähnen der Pelé, der Vulkangöttin von Hawaii - die schnell abgekühlten Lavafäden, die zu etwa 15 Zentimeter langen, haarfeinen Glasgebilden werden und im Wind treiben. Wo sonst auf Erden gibt es das!


(NG, Heft 11 / 2000)
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