Die Aussicht war phantastisch: kilometerweit nichts als flache Berge, die sich bis zum arktischen Horizont erstreckten. Allerdings fiel es mir an dieser Stelle nicht eben leicht, das Panorama zu würdigen, denn ich kraxelte gerade auf allen vieren über scharfkantiges Geröll einen Hang hinauf. Vor mir gab der 33-jährige Wassilij Sarana, der Leiter dieser Putorana-Expedition der Russischen Geographischen Gesellschaft, keineswegs eine solch klägliche Figur ab. Er ist Bergsteiger, jemand, dem man jederzeit das Erklimmen einer senkrechten Felswand zutrauen würde. Aufrecht stehend drehte er sich auf dem schwindelerregend steilen Hang um und ließ seinen Blick über die Weite schweifen. Eine wilde, unbewohnte, von Schluchten, Flüssen und Wasserfällen durchzogene Hochebene von ungefähr den Ausmaßen der alten Bundesrepublik: das Putorana-Plateau.
Es war Anfang September, und wir befanden uns 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Sarana und ich waren auf der Suche nach Putorana-Schneesteinböcken. Fast zwei Wochen dauerte unser Vorhaben nun schon an, doch bisher ohne Ergebnis. Der Sibirische Schneesteinbock, wissenschaftlich Ovis nivicola borealis genannt, zählt zu den robustesten Tierarten, ist aber äußerst selten: Der Gesamtbestand wird auf 2500 bis 6000 geschätzt. Große Böcke erreichen ein Gewicht von bis zu 100 Kilo und haben dicke, kommaförmige Hörner. Männliche wie weibliche Tiere tragen ein dichtes, graubraunes Fell, das ihnen außerordentlich guten Schutz gegen Kälte bietet. Im Winter kann die Temperatur auf dem Plateau bis auf minus 65 Grad sinken.
Nehmen Sie eine Landkarte von Russland. Sie tippen mit dem Finger auf die Mitte dieses riesigen Landes, fahren immer weiter nach Norden, bis Sie an die Stelle im tiefsten Sibirien kommen, wo weder Städte- noch Dorfnamen eingezeichnet sind: Hier liegt das Putorana-Plateau.
Diese Hochebene wird von zahllosen klaren Seen und Flüssen durchzogen, in denen sich arktische Fische tummeln. In den Tälern stehen uralte Lärchenwälder, in denen Braunbären, Elche, Vielfraße und große Herden wandernder Rentiere leben. Seit 1988 ist ein Teil des Putorana-Plateaus Naturschutzgebiet.
Im Lauf des vergangenen Jahrhunderts war das Putorana-Plateau immer wieder Ziel von Forschern und Wissenschaftlern. Noch in den letzten Dezennien der sowjetischen Herrschaft wurden nur einige wenige Geologen, Fischer, Jäger und Wildwasserfahrer regelmäßig zu Forschungszwecken mit dem Hubschrauber in die Hochebene gebracht. Der Zusammenbruch des Kommunismus im Jahre 1991 - und später der starke Anstieg der Treibstoffkosten - bereitete diesen Vorstößen ein Ende. Genau aus diesem Gund kommen Sarana und die Russische Geographische Gesellschaft immer wieder zurück: Noch heute ist das Putorana-Plateau eine der letzten unbekannten Gegenden, Hunderte von Kilometern abseits jeglicher Zivilisation.
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