Abraham - der Patriarch des Friedens

Artikel vom 01.12.2001  —  Autor: Tad Szulc

Wer war Abraham? Hat vor Tausenden von Jahren tatsächlich ein Mann gelebt, der heute von mehr als drei Milliarden Menschen - mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung - als Vater ihres Glaubens verehrt wird? Zwei Milliarden von ihnen sind Christen, rund 1,2 Milliarden sind Muslime, fast 15 Millionen sind Juden. Und hat Abraham wirklich mit Gott gesprochen und mit ihm den Bund geschlossen, der zum Fundament dieser Religionen wurde?

Der erste und ausführlichste Abriss von Abrahams Leben findet sich in der Genesis, dem ersten Buch der heiligen Schrift des Judentums und des Alten Testaments der Bibel der Christen. Auch in anderen jüdischen und christlichen Schriften wird Abraham an verschiedenen Stellen erwähnt, so zum Beispiel im Talmud und im Neuen Testament. Auch im Koran, dem heiligen Buch des Islam, wird er mehrfach genannt.

Das Christentum würdigt Abraham von seinen ersten Anfängen her als Stammvater. Im Neuen Testament schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief über den Glauben, "der war in unserm Vater Abraham". Und im Lukas-Evangelium sagt die Jungfrau Maria am Anfang: "Der Herr denket der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich." Auch der Koran anerkennt Abraham als Propheten des Islam. Mohammed, der im 7. Jahrhundert die Prinzipien des Islam entwickelte, ehrt ihn so: "Wir glauben an Allah und was zu uns herabgesandt worden, an Abraham und Ismael und Isaak und Jakob." Der Koran macht die Geschichte Abrahams zu seinem Fundament. Für die Muslime gilt das Gebot, den Glauben Abrahams an einen einzigen Gott - die Hinwendung zum Monotheismus - allen anderen Religionen vorzuziehen, und im Koran steht, dass Gott sich Abraham zum khalil nahm, zum Freund.

Wenn ich die Wissenschaftler frage: "Hat es einen Mann namens Abraham jemals gegeben?", bekomme ich fast immer die höfliche Antwort: Man könne es nicht widerlegen. Gleichzeitig sagen viele Forscher aber auch, dass sie es für sinnlos halten, hinter den Geschichten einen Menschen aus Fleisch und Blut finden zu wollen. "Abraham ist nicht zu beweisen", behauptet Israel Finkelstein, ein Ärchäologe der Universität Tel Aviv. Wichtig sei vor allem, so wird uns gesagt, die Bedeutung der Ideen zu würdigen, die Abraham verkörpert, und zu bewerten, wie stark ihr Vermächtnis bis heute nachwirkt.

Am bekanntesten ist er wohl als Begründer des Monotheismus, obwohl ihm die Genesis dies an keiner Stelle als Verdienst anrechnet. Sie legt aber viel Wert auf seine Gastfreundschaft und Friedfertigkeit, und vor allem würdigt sie seinen Glauben und den Gehorsam gegenüber Gott. Ungeachtet aller Theorien, die die Wissenschaft über den historischen Abraham hat: Die Genesis ist ein Text, dessen Bann man sich nicht entziehen kann. Also machte ich mich im Jahr 2000 auf die Reise, um dem Lebensweg dieses Mannes, wie er in der Genesis geschildert ist, zu folgen.


(NG, Heft 12 / 2001)
Extras

Atlas-Tipp: Biblica - Der Bibelatlas
Erfahren Sie mehr über die faszinierendsten Geschichten des Alten und des Neuen Testaments im großen Bibelatlas Biblica. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus