Zu den Schätzen des "dunklen Erdteils" gibt es meistens keinen leichten Zugang. Sie liegen fern der großen Touristenströme. Und der Reichtum der Kultur hat in Afrika immer die Armut der Menschen zum Nachbarn. Die Höhlen von Tassili N'Ajjer liegen in Schluchten fast ohne Vegetation, nordöstlich des Hoggar-Gebirges in der Sahara. Mit ihren mehr als 4000 Malereien gelten sie als großartigste Sammlung prähistorischer Kunst. Die ockerfarbenen Szenen auf den Felsen zeigen Meilensteine menschlicher Entwicklung in dieser Region zwischen 6000 und 1000 v. Chr. Die hier siedelnden Tuareg aber, die in der Sahara einst blühenden Karawanenhandel betrieben, kämpfen heute als Oasenbauern ums Überleben.
Die dampfenden Dschungel des Kongobeckens umfassen zwei Millionen Quadratkilometer, fast sechsmal die Fläche von Deutschland, und beherbergen, vom Boden bis zu den Baumkronen, eine Unzahl Tier- und Pflanzenarten. 150 000 Pygmäen und drei Millionen Bantu, weniger als die Einwohnerzahl Berlins, hausen hier in armseligen Häusern. Autor John Reader hat viele Jahre in Afrika gelebt und es mit Leidenschaft erforscht. Michael Lewis hat von acht verschiedenen Ökosystemen Tausende Fotos geschossen. Aus der Arbeit der beiden ist jetzt ein NATIONAL GEOGRAPHIC-Bildband entstanden.
Die ewig wiederkehrende Dekadenz-Debatte, der Streit um die unheimlichen, nie ganz erklärbaren Mechanismen, die den Niedergang einer Kultur auslösen - in Afrikas geheimnisvollen Tiefen findet der Diskurs ständig neue Nahrung. Hier stand, vor Millionen Jahren, die Wiege der Menschheit. Hier haben bahnbrechende kulturelle Entwicklungen stattgefunden. Und heute sehen Entwicklungshelfer fassungslos, wie dieser Kontinent wirtschaftlich immer weiter hinter anderen Erdteilen zurückbleibt, wie er sich selbst ruiniert und im Chaos versinkt.
Reader und Lewis führen den Leser in afrikanische Regionen und Epochen, die Geschichte gemacht haben.
An den Ufern des Nils entstand vor 5000 Jahren das Reich der Pharaonen . Dort wurden nicht nur das ochsenbetriebene Wasserrad und der tragbare Wassereimer erfunden, sondern auch eine geschriebene Sprache entwickelt, Grundlagen der Astronomie und Mathematik formuliert. Vor 150 Jahren noch hatte Ägypten fünf Millionen Morgen Ackerland und fünf Millionen Menschen. Heute hat es etwas mehr als sieben Millionen Morgen Ackerland - und 65 Millionen Menschen. Ein Beispiel für den dramatischen Wandel in Afrika. Das alte Reich von Aksum , im Hochland Äthiopiens gelegen, exportierte Goldstaub, Weihrauch, Elfenbein und Flusspferdehäute bis nach Indien und China, nach Spanien und zum Schwarzen Meer. Heute wird Äthiopien von fast zyklisch wiederkehrenden Hungersnöten heimgesucht. Seine Menschen haben im 20. Jahrhundert unter Kolonial-, Bürger- und Grenzkriegen gelitten, unter kaiserlicher Feudalherrschaft und marxistischen Revolutionären, die zu neuen, blutigen Diktatoren wurden.
Im Schoß dieses geschundenen Erdteils schlummern enorme Kräfte. Kräfte der Natur, Kräfte des Menschen. Eines Tages, so die verzweifelte Hoffnung, könnten sie sich zum Guten verbünden.
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