Am 453. Tag seines Trecks durch den zentralafrikanischen Urwald steht J. Michael Fay im südwestlichen Gabun am Ostufer eines Gewässers. Der Atlantik ist es nicht. Das Ziel seiner Expedition liegt noch 30 Kilometer entfernt. Nun stößt der Ökologe auf sein letztes Hindernis. Es ist ein Schwarzwassersumpf, ein Waldgebiet, das sich in der Regenzeit in einen See verwandelt. Durchweichte Blätter und andere Pflanzenreste haben das gewöhnlich teebraune Wasser verfärbt, seine glatte Oberfläche ist so dunkel wie poliertes Ebenholz. Hier und da ragen große Bäume heraus. Wie tief stehen sie im Wasser? Fay weiß es nicht.
Bebe, ich und zwei weitere Begleiter - Michael "Nick" Nichols, Fotograf von NATIONAL GEOGRAPHIC, und Phil Allen, Kameramann von NATIONAL GEOGRAPHIC TELEVISION - sehen Fay vom Ufer aus hinterher. Bald ist er hüfttief, brusttief, achseltief im Wasser, tastet mit den Füßen nach plötzlichen Vertiefungen, sucht die flachste Furt. Dann verschwinden ein kleiner Kopf und zwei dünne Arme im Dickicht.
Logik und Eigendynamik seines Unternehmens Megatransect - etwa: Megageländequerschnitt - bringen ihn und seine Leute am Morgen dieses 453. Tages in die Krise. Die Logik besagt, dass er von der nordöstlichen Ecke der Republik Kongo im Zickzack zur südwestlichen Küste von Gabun wandert, eine Strecke von 3200 Kilometern durch große, unbewohnte Waldflächen ohne Straßen und Wege, um Daten über Vegetation, Wildtiere und Waldzustand zu sammeln. Die Eigendynamik kommt von 452 verbissen durchgehaltenen Marschtagen, vielen durchwateten Sümpfen und Flüssen, Versorgungsproblemen und Hungernächten, von nervösen Elefanten, vielen Stunden mit Lachen und Spaß am Lagerfeuer, vielen Wutausbrüchen - Momente, in denen es für Fay und seine Kameraden schier unmöglich schien weiterzugehen.
Um 13.11 Uhr am 453. Tag bleibt Fay stehen. Er trägt das neueste Fundstück in sein Notizbuch ein: Elefantendung, alt. Dann geht er weiter, wieder ohne ein Wort. Ein harter Mann, ein weiser Expeditionsleiter, ein ehrfurchtsloser Mensch, eine einsame Seele, ein gewissenhafter Forscher, ein grimmiger Partisan im tropischen Urwald , ein scharfer Beurteiler menschlicher Grenzen.
Er hat immer noch zu arbeiten. Die Küste ist noch drei Tage entfernt. Um 12.39 Uhr am 18. Dezember des Jahres 2000 stehen Fay und sein Trupp am Ufer des Atlantiks: "Mann", sagt er, "Mann". Dann, ganz sachlich: "Genau hier wollte ich rauskommen".
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus