Für Lawrence Stager, Wissenschaftler an der Universität Harvard, erfüllte sich der Traum eines jeden Archäologen: Ein reicher amerikanischer Geschäftsmann war von seiner Arbeit so beeindruckt, dass er ihm die Ausgrabung einer Stätte seiner Wahl finanzieren wollte. Stager entschied sich für Askalon an der israelischen Mittelmeerküste. Für Archäologen wie ihn ist Askalon ein Schatz, denn die Funde liefern detaillierte Informationen über ein halbes Dutzend vergangener Kulturen - von den Bestattungsriten bis zu den Sexualpraktiken der Menschen.
Über Askalons Straßen müssen viele historische Figuren gegangen sein: vielleicht Richard Löwenherz, Alexander der Große, Herodes und der Philisterfeind Samson. Um 3500 v. Chr. bestand dort bereits ein großer Seehafen - strategisch günstig an den Handelsstraßen von Kleinasien und Syrien nach Ägypten gelegen. Die Stadt war Zeuge des Aufstiegs und des Niederganges nicht nur der kanaanäischen Zivilisation, sondern auch der Philister, Phöniker, Griechen, Römer, Byzantiner und der europäischen Kreuzfahrer. Immer wieder stand die strategisch bedeutende Stadt im Kreuzfeuer der Geschichte.
Stager machte Entdeckungen, die manche Vorurteile widerlegen. Etwa das durch die Bibel geprägte Bild von den Philistern, den Feinden der Israeliten. Seit jeher gelten sie als brutale Zerstörer, ihr Name wurde zum Synonym für Dumpfheit und unzivilisiertes Benehmen. Falsch: Die Philister waren durchaus den Künsten zugeneigt. Während die Israeliten noch grobe, unverzierte Tonwaren herstellten, schmückten sie ihre Keramik zum Beispiel bereits mit eleganten Mustern.
Um das 5. Jahrhundert begannen die Menschen in Askalon, Münzen zu benutzen. Eineinhalb Jahrhunderte wurden in einer Prägewerkstatt Geldstücke hergestellt.
Seit 1985 gräbt Lawrence Stager in Askalon nach vergangenen Kulturen. Er fand einen phönikischen Friedhof mit 1000 Hunden, Schmuck und Haushaltsgegenstände. Die Sexualmoral im heidnischen Askalon war locker. Ein römisches Badehaus diente möglicherweise zugleich als Bordell. Unter dessen Grundmauern machte der Archäologe in einem alten Abwasserkanal eine grausige Entdeckung: die Gebeine von mehr als 100 Säuglingen - vielleicht ungewollte Nachkommen von Prostituierten. Die Neugeborenen waren wohl einfach in den Abfluss geworfen worden.
DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion
blog comments powered by Disqus