Auf den Spuren von Marco Polo

Artikel vom 01.05.2001  —  Autor: Mike Edwards

Manchmal tauchen die alten Paläste und Tempel wieder auf, behaupten die alten Leute. Dann schimmern die Gebäude geheimnisvoll in der Morgensonne. "Mit eigenen Augen habe ich es nicht gesehen", sagt der Schäfer Wei Chang, "aber die Alten haben es mir erzählt." Wei Changs Herde weidet auf Hügeln, unter denen die Überreste von Shangdu liegen - der Stadt, 320 Kilometer von Peking entfernt, die Kublai Khan im Grasland der Inneren Mongolei zu seiner Sommerresidenz bestimmte. Er legte sie in verschwenderischem Stil an. Ihr mongolischer Name lautet "Stadt der 108 Tempel". Die Chinesen nennen sie Kublais "Kristallpalast", weil sie in so hellem Glanz erstrahlte.

In Shangdu kniete Marco Polo zum ersten Mal vor dem großen Kublai nieder, wahrscheinlich im Jahr 1275. Der Enkel des Eroberers Dschingis Khan herrschte über ein Reich, das sich von China bis ins Gebiet des heutigen Irak und im Norden bis nach Russland hinein erstreckte. Marco Polo war vermutlich 21 Jahre alt, als er Shangdu erreichte. Er begleitete seinen Vater Niccolò und seinen Onkel Maffeo, beides Kaufleute aus Venedig. Mehr als 12000 Kilometer hatten sie bereits zurückgelegt, "beschwerliche dreieinhalb Jahre", wie Marco Polo schreibt. Nur wenige Europäer waren vor ihnen so weit nach Asien vorgedrungen. Und keiner hatte sich auch nur annähernd auf ein so langes und fernes Abenteuer eingelassen wie die Polo.

In seinem 1298 verfassten Werk "Die Wunder der Welt" berichtet Marco Polo ausgiebig über die Reichtümer Asiens - Seide, Gewürze, Edelsteine, Porzellan. Er beschreibt eine Fülle von Orten, die dem mittelalterlichen Europa gänzlich unbekannt waren. Seine Erlebnisse wurden ein wesentlicher Ansporn für Europäer, die entlegenen Winkel der Erde zu erforschen - zum Beispiel für einen anderen Italiener namens Kolumbus. Oder hat Marco Polo das Ganze nur erfunden? Ein Hauch von Misstrauen hat ihn stets umgeben. Schließlich beschrieb er Dinge, die selbst die welterfahrenen Venezianer noch nie gesehen hatten - wie etwa Papiergeld oder einen schwarzen Stein, der brennen konnte.

Ich bin einer, der unerschütterlich an Marco Polo glaubt. Vier Jahre bin ich - mit Unterbrechungen - seinen Spuren gefolgt, fast 10000 Kilometer, meist in Begleitung des Fotografen Michael Yamashita. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so viele Informationen sammeln und die meisten wie in einem systematischen Reiseführer niederschreiben konnte, ohne am Ort gewesen zu sein.

Marco Polo teilte mir mit, wo ich im Iran nach einer heißen Quelle zu suchen hatte, deren Wasser "die Krätze" heilen kann. In Afghanistan führte er mich auf einer alten Route der Seidenstraße entlang, die sich durch gewaltige Gebirgszüge windet. In China führte mich sein Weg durch Wüsten und zu großen Küstenstädten. Schließlich folgte ich der Spur seiner langen Heimreise und machte in Sumatra, Sri Lanka und Indien Station. Vieles, worüber Marco Polo berichtet, hat sich in sieben Jahrhunderten nicht verändert.


(NG, Heft 5 / 2001)
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